Erinnerungen an Robert Grimm (1881 – 1959)

Foto von Textautor dr. Fabian Braendle

    Der Schweizer Druckergeselle und spätere sozialdemokratische Spitzenpolitiker und Journalist Robert Grimm (1881 – 1959) in der habsburgischen Untersteiermark, 1902

Robert Grimm war zweifellos eine der schillerndsten Figuren der frhen schweizerischen Sozialdemokratie. Geboren im Jahre 1881 im hügeligen Zürcher Oberland als Sohn eines Textilarbeiters, absolvierte der begabte Jüngling die Sekundarschule, um dann in der Stadt Zürich die Druckerlehre zu absolvieren. In Zürich-Oerlikon kam er bald mit sozialistischen Ideen sowie revolutionären syndikalistischen Vorstellungen in Berührung. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte er einer der Anführer des „Oltner Kommitees“ die Generakstreikideen in die Realität umsetzen, scheitern und im Gefängnis ein noch heute nicht nur in Arbeiter:innenkreisen gelesenes Geschichtsbuch („Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen“) schreiben.

Robert Grimm las ausserordentlich viel und führte als engagierter und mutiger Journalist, der oftmals Arbeitskämpfe verfolgte, eine spitze, gefürchtete Feder. Seinen bürgerlichen Gegnern galt der linke Sozialdemokrat, der später gleichwohl das schweizersche politische System unterstützte und auch in wichtige Exekutivämer eintrat (beispielsweise Berner Regierungsrat), aber auch in hohe Parteiämter führte war Grimm zeitlebens nicht zuletzt als vermeintlicher „Revoluzzer“ von 1918 ein rotes Tuch, seinen sozialdemokratischen Mitstreiter:innen waren seine diversen politischen Volten weg vom Radikalismus und zurück teilweise unerklärlich und somit nicht nachvollziehbar.

Vor einigen Jahren kam ein interessantes Manuskript ans Tageslicht, das ein neues Licht auf den blutjungen Grimm wirft. In den Aufzeichnungen über seine Gesellenwanderung 1900 – 1902, vorbildlich ediert und kommentiert durch Andreas Berz und Bernard Degen , beschrieb Robert Grimm seine Zeit als „tippelnder“ Druckergeselle namentlich im multiethnischen Habsburgerreich. Auch seine Tour durch die Untersteiermark findet darin Platz.

 

Von Graz aus, wo er für die Druckerei der sozialdemokratischen „Arbeiterstimme“ gearbeitet hatte und auf viele Linke getroffen war, traf Robert Grimm am 6. Mai 1902 in Marburg an der Drau (Matribor) ein. Zunächst suchte er den Reisekasseverwalter ein, um sein „Viatikum“, das ihm von der Gewerkschaft her zustand, einzuverlangen. Dann assen Grimm uns seine Begleiter im Gasthof zum „Landwirt“. Am nächsten Tag marschierte der Duckergeselle über Kötsch (Hoče) nach Windisch-Feistitz (Slovenska Bistrica), wo ihm ein paar so genannte Krainerwürste mundeten. Ansonsten hatte Grimm oftmals nur wenig zu seen, manchmal sogar gar nichts. Ausserhalb Marburgs hörte Grimm die deutsche Sprache kaum noch, „ (…) und an deren Stelle tritt das Windische (=Slowenische), ein Mischmasch zwischen Deutsch, Italienisch und Kroatisch.“ Das Denken des ansonsten internationalistosch denkenden Sozialdemokraten ist nicht von Stereotypen, ja Rassismen frei. Grimm dachte vielmehr überheblich und schaute auf das Slowenische herab.

 

Unfreundliche Beamte konnten dem Ausländer das Leben schwer machen. So drohten sie, ihm bei obrigkeitlichen „Naturalverpflegungsstationen“ kein Essen auszugeben. Wenn er sich wehrte, drohte die Verhagftung. Handwerksgesellen waren eben in der Wahrnehmung der Regierung potenzielle Unruhestifter, eher links einzuordnen und somit eine Gefahr für die Monarchie. Zudem bettelten viele Handwerksgesellen, was sie in der Nähe von Vagant:innen rückte.
Am 8. Mai 1902 erreichte RobertGrimm nach achtstündigem Marsch Cilli (Celje), „ (…) die letzte an der dieser Rote gelegene deutschsprachige Stadt.“ Der junge Sozialdemokrat begab sich sofort zum Parteilokal „zum Hirschen“, wo er hoffte, etwas über seinen einstigen Reisekameraden Jandas in Erfahrung zu bringen.

Zu seinem Bedauern sagte man Grimm, dass Jandas der deutschvölkischen Partei (Georg von Schönerers?) beigetreten war. Immerhin waren einige Ciller Genossen freundlich zu Grimm und luden diesen zu einem Spaziergang ein. Auf dem Schlossberg oben feierte man. Schliesslich gelang es Grimm, den einstigen Reisekollegen Jandas doch noch aufzutreiben. Trotz politischer Differeenzen „quatschten“ die beiden, freuten sich am Wiedersehen. Am nächsten Tag sahen sich die beiden einstigen „Tippelbrüder“ wieder. An der Laiberstrasse vehielt sich ein Gendarm schikanös, indem er Grimm „fleppte“, das heisst durchsuchte. Im Wirtshaus debattierten Grimm und seine Cillier Kollegen über Politik, „ (…) wobei ihre alldeutschen, teutonischen Gesinnungen ziemliche Löcher erhielten.“ Doch nach dem zähen, kontroveren politischen Teil begann das „Gemütliche“, man sang und deklamierte, „ (…) bis wir rausgeschmissen wurden.“

Am nächstten Tag „tippelte“ Grimm gemeinsam mit Jandas erneut in ein Gasthaus, erneut wurde getrunken. Der Wirt, ein ehemaliger Metallarbeiter, offerierte eie kräftige Hühnersuppe und bot sogar gratis ein Nachtlager an. Abend besahen sich die beiden Kameraden einen „Football-Match“, den Cilli mit 3-0 gegen Laibach zu gewinnen vermochte.

Am nächsten Morgen kostete der Schweizer die „Weinsuppe“ der Wirtin, ehe er in sich in Richtung der Landeshauptstadt des Kronlandes Krain Laibach (Ljubljana) aufmachte.

Text dr. Fabian Braendle

1 Zu Leben und Zeit vgl. MacCarthy, Adolf. Robert Grimm. Der schweizeriche Revolutionär. Bern 1989.
2   Berz, Andreas und Bernard Degen. Robert Grimm. Von meiner Gesellenwanderung (1900 – 1902). Aufzeichnungen des bedeutenden Politikers als junger Mann. Zürich 2025.

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