Schreibt Zdenko Zavadlav in seinem Buch: Aus den Tagebüchern eines Marburger Geheimdienstangehörigen, ausgewählte Blätter, 1. Teil: Sommer 1945. Maribor: Verlag für alternative Theorie, 1990
(Zitat)„Obwohl ich ein ehemaliges SKOJ Mietglied (Bund Junger Kommunisten) bin, verstehe ich nichts mehr. In welchem Namen tun sie das den Leuten und auch uns an? Und gerade uns, die wir schon vor dem Krieg Junge Kommunisten waren, missbrauchen die uns jetzt für diese dreckige Henkersarbeit!
Die Listen der für die Exekution Vorgesehenen kommen üblicherweise bestätigt aus Laibach, die aus den Justizgefängnissen haben wir vorgeschlagen, die aus Sternthal die Kommission aus der Slavija. Wir müssen uns beeilen, denn die ganze Arbeit muss vor der Verabschiedung der Verfassung und der Schließung der Lager erledigt werden. Ich bin in Absprache mit der Militärpolizei für die Durchführung der Operation zuständig, Božo für die Bestimmung des Exekutionsortes. Die Militärpolizisten der Marburger Brigade begannen auf Grundlage der Weisungen, die ich vom dafür verantwortlichen stellvertretenden Kommissar erhalten habe, an der ausgewählten Stelle, irgendwo auf der rechten Seite auf halber Strecke des Weges auf den Pohorje/Bachern zwischen Hoče/Kötsch und der Marburger Hütte, Gruben auszuheben.
Die Exekutionen werden am Abend stattfinden. Mir wurde der Transport der zu Erschießenden aus Šterntal/Sternthal zugeteilt. Ich habe ein wenig Angst, weil ich weiß, dass Typhus grassiert.
Am Abend machen wir uns mit Lastern auf den Weg. Wir haben Mäntel und Gasmasken. Zur vereinbarten Stunde werden wir uns vor den Justizgefängnissen treffen und dort wird ein Militärpolizei-Führer für einen bestimmten Ort auf uns warten. Ich bin für den vereinbarten Transport und für die Organisation der Erschießungen verantwortlich.
Lager Šterntal/Sternthal. Der Verwalter und der Arzt, zum Glück mein Freund Banjži aus Šoštanj/Schönstein, wollen die Verlangten nicht übergeben, weil sie Typhus haben. Ich erkläre ihnen, dass sie so oder so erschossen werden. Sie geben nach. Mit Hilfe der Militärpolizisten schaffen wir ungefähr 60 Personen von der Liste auf zwei Laster. Überwiegend sind es Deutsche und einige Steirer. Laster, mit Draht gefesselte Hände, Militärpolizisten als Bewacher.
In Maribor/Marburg machen wir vor den Justizgefängnissen Halt. Dort werden schon die Häftlinge auf die Laster verladen. Alle sind mit Draht gefesselt und liegen auf dem Boden der Laster. Ich übernehme den Transport. Dabei sind noch Božo und Tine und natürlich die Offiziere der Marburger Militärpolizei-Brigade. Auf den Lastern haben wir von Akkumulatoren betriebene Lampen und Korbflaschen mit Cognac. Zur Sicherheit und für die Moral! Wir fahren Richtung Hoče/Kötsch, danach biegen wir Richtung Pohorje/Bachern ab.
Wir fahren bergauf. Irgendwo auf halber Strecke zur Marburger Hütte biegen wir rechts ab. Wir enden im Dunkeln auf einer Seitenstraße. Die Wache der Militärpolizei wartet bereits auf uns. Bis zum ausgehobenen Grab geht es zu Fuß.
Die Militärpolizisten leuchten den Weg mit den Lampen aus, danach werfen sie die Gefangenen einfach von den Lastern und darauf Marsch zum ausgehobenen Grab. Die Militärpolizisten sind rachsüchtig, da die Deutschen ihre Nächsten erschossen und ihre Häuser niedergebrannt haben. Sie zwingen die Gefangenen „Deutschland, Deutschland über alles!“ zu singen.
Schreckliche Bilder. Ein Weg unter Tannen, ausgeleuchtet mit Lampen und wütende Militärpolizisten mit singenden Gefangenen. Ist das wirklich das, wofür wir gekämpft haben?
Wir kommen zur Grube. Die Gefangenen werden ausgezogen, damit sie nicht identifiziert werden können. Beim Ausziehen werden ihnen die Fesseln abgenommen, danach werden sie wieder gefesselt. Es erschüttert mich, als ich die noch minderjährige Tochter eines deutschen Funktionärs sehe. Obwohl sie sich in Šterntal/Sternthal erschöpft hat, ist sie noch immer bildhübsch. Nackt sitzen sie auf dem Boden./
Darauf gibt ein Offizier der Militärpolizei in Absprache mit uns Geheimdienstlern den Schießbefehl. Zu fünft werden sie vor die Grube gezerrt und von beiden Seiten mit leichten Maschinengewehren erschossen, so dass die Opfer in die Gruben fallen./
Die Exekutionen gehen weiter. Je fünf nackte Körper vor der Grube. Da sie zerschossene Beine haben, werden sie zur Grube geschleift, hineingeworfen und erschossen. Auch das junge deutsche Mädchen verschwindet in der Grube.
Zum Schluss bringen die Militärpolizisten die Kleider zu den Lastern, damit sie vernichtet werden. Ein Laster mit einigen Militärpolizisten bleibt, um die Grube zuzuschütten und zu tarnen.“ (Ende des Zitates aus dem Buch von Zdenko Zavadlav).
Sehr geehrte Damen und Herren!
In Slowenien wurden in den ersten Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf Befehl der neuen jugoslawischen kommunistischen Behörden Zehntausende von Kriegsgefangenen und Zivilisten – Gegner der Partisanenbewegung und der Kommunistischen Revolution – von Angehörigen der Armee und der politischen Polizei ermordet.
Den ermordeten Opfern verschiedener Nationalitäten wurde das Recht auf ein Grab verweigert und sie wurden jahrzehntelang aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht. Auf Anweisung der kommunistischen Behörden wurden die Gräber nach den Ermordungen eingeebnet, abgedeckt und zerstört. Für diese Orte wird der Begriff „verdeckte Grabstätten“ geprägt.
Nach der demokratischen Wende und dem Entstehen des unabhängigen Sloweniens wurden mehrere hundert dieser verdeckten Gräber zuerst inventarisiert, aber erst nach 2006 begann man, sie systematisch zu erforschen.
Die Einsicht, dass man mit der Erforschung von verdeckten Grabstätten beginnen sollte, ist seit der demokratischen Wende langsam gereift, so dass 79 Jahre nach dem Verbrechen von etwa 750 erfassten Grabstätten in Slowenien ausgegangen werden kann. 234 Grabstätten bzw. Sterbeorte mit etwa 9000 exhumierten Opfern wurden untersucht und bestätigt. Es wurde vollständig, aber auch nur teilweise exhumiert.
Die meisten Grabstätten liegen nicht weit voneinander entfernt. Es handelt sich um den Panzergraben in Tezno bei Marburg, in dem auf einer Länge von fast einem Kilometer etwa 15 000 Opfer, zumeist Angehörige des Unabhängigen Staates Kroatien, begraben sind. Bislang wurden nur 70 Meter des Graben mit 1.176 Opfern ausgehoben.
Die zweite ist die Kohlengrube Huda Jama. Dort wurden 1.410 Opfer exhumiert. Diese gilt als ein weltweit einzigartiger Fall der Bergung von Leichen aus einem Massengrab in einem Bergwerksschacht. In ähnlicher Weise wurden vor zwei Jahren 3.450 Opfer aus einer der Karsthöhlen im Hornwald in Gottschee geborgen.
Das Bachern-Gebirge war lange Zeit ein grauer Fleck bei der Identifizierung von Grabstätten. Es war bekannt, dass eine große Anzahl von Zivilisten und Kriegsgefangenen verschiedener Nationalitäten aus den Gefängnissen in Marburg und dem Lager Sterntal bei Pettau zum Bachern-Gebirge gebracht und dort ermordet worden war. Trotz der Zeugenaussagen einiger Teilnehmer an den Massakern und den wenigen, die von den Tötungsstätten entkommen konnten, waren die genauen Standorte der Gräber bis 2006 nicht bekannt.
Es brauchte mutige und hartnäckige Menschen, um unser Land auf den Weg zu bringen und die Schuld der Zivilisation gegenüber den namenlosen Opfern zumindest zeitweise zu verringern. Menschen wie Martin Kostrevc, zum Beispiel. Dieser kleine Mann, der heute 90 Jahre alt ist und dem der Bau des Mahnmals zu verdanken ist, kann uns mit seinem Bemühen, seinen edlen Taten und seiner moralischen Schuld zu ehren, ein Vorbild sein.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, als er mich an einem Sommertag anrief und mir mitteilte, dass er zwei Einheimische überredet hatte, mir die Grabstätten auf dem Bachern-Gebirge zu zeigen. Einer von denen war zur Zeit der Nachkriegsmassaker ein 11-jähriger Hirte, der sich an die Stellen der zugeschütteten Gruben und die Gegenstände um sie herum erinnerte. Dies ließ ihn vermuten, dass unter einer dünnen Erdschicht Menschen begraben waren. Eine Probegrabung im Jahr 2006 in einer zufällig ausgewählten Grube, die Martin Kostrevc und ich durchführten, bestätigte seine Behauptungen.
Am 23. und 24. November 2006 wurden an zwölf der vierzehn Grabstätten menschliche Überreste und verschiedene Gegenstände der Opfer gefunden. Bei weiteren Ausgrabungen im darauffolgenden Jahr wurden neue Grabstätten entdeckt. Die Frage, in welcher Grabstätte auf dem Bachern die gefangenen und zurückgekehrten Angehörigen der kroatischen Streitkräfte, die montenegrinischen Tschetniks, die Slowenen und die Angehörigen der deutschen Minderheit in der Steiermark begraben sind, wird sich erst nach der Bergung und Identifizierung der Opfer beantworten lassen.
Um zumindest grob abschätzen zu können, wie viele Menschen hier oben bei St. Heinrich ermordet wurden, wurde im November 2007 eine der bestätigten Stellen exhumiert. Wir hatten mit 30 bis 40 Opfern gerechnet, aber wie bei anderen Grabstätten hat uns das Ergebnis überrascht. Aus einem kleinen Krater konnten wir die Skelettreste von 189 Opfern bergen, die heute noch im Beinhaus auf dem Friedhof von Maribor Dobrava liegen. In diesem Gebiet, das nur wenige hundert Meter voneinander entfernt liegt, gibt es 14 bestätigte Grabstätten und noch 7 weitere, die auf dem Weg nach St. Heinrich darauf warten noch ausgegraben zu werden.
Dass wir damals, in den Jahren 2006 und 2007, entschlossener in die Forschung einsteigen konnten, war möglich, weil eine neue Kommission unter der Leitung von Jože Dežman gebildet wurde, nachdem dieser von der damaligen Exekutive darauf angesprochen worden war. Leider führten die schrecklichen und schockierenden Entdeckungen der Huda Jama drei Jahre später dazu, dass eine andere Regierung fast alle Erkundungsaktivitäten für volle sechs Jahre einstellte, bis im Jahr 2015 ein neues Gesetz über versteckte Kriegsgräber und die Bestattung von Opfern verabschiedet wurde.
Heute ist es schwer zu verstehen, dass der fehlende politische Wille und die fehlende Gesetzgebung fatale Auswirkungen auf die grundlegenden zivilisatorischen Handlungen hatten, wie die Kennzeichnung und Regelung der Begräbnisstätten, und die Exhumierung, Identifizierung und Bestattung der Opfer auf den Friedhöfen. Deshalb müssen wir noch 79 Jahre nach diesen Ereignissen immer noch fragen, warum nicht alle Opfer aus den Gräbern auf dem Bachern-Gebirge exhumiert und in menschenwürdiger Weise bestattet werden. Anstelle einer Antwort möchte ich Ihnen die Ereignisse des vergangenen und dieses Jahres schildern, die zeigen, dass die Erinnerungskultur der Entscheidungsträger noch nicht für die Opfer aller Totalitarismen gilt.
Die Resolution zum europäischen Bewusstsein und zum Totalitarismus betont, wie wichtig es ist, den Opfern aller totalitärer Systeme, einschließlich des Kommunismus, zu gedenken. Dennoch ist die Bestattung der sterblichen Überreste von 3.450 Opfern aus der verminten Karsthöhle im Gottscheer Hornwald immer noch nicht erlaubt. Es dürfen auch die Opfer der Roma – Zivilisten, die 1942 auf Befehl der kommunistischen Behörden ermordet wurden, nicht bestattet werden. Auch der Gedenktag für die Opfer der kommunistischen Gewalt, der letztes Jahr von der jetzigen Regierung abgeschafft wurde, zeigt, dass noch immer nicht alle Opfer gleichgestellt sind und dass Slowenien leider immer noch hinter den allgemein gültigen zivilisatorischen und humanitären Standards in Bezug auf die Opfer eines der drei Totalitarismen, nämlich des Kommunismus, zurückbleibt.
Aus diesem Grund haben wir im vergangenen Jahr eine Petition an das Europäische Parlament gerichtet, in der wir die europäische politische Öffentlichkeit davor gewarnt haben, dass es Antigone im heutigen Slowenien nicht besser gehen würde als im antiken Griechenland, als der Herrscher Kreon sich damit zufriedengab, einen ihrer Brüder, Polyneikes, der auf der Verliererseite gefallen war, zu begraben.
Aber Antigone wurde vor Christi Geburt geschrieben und es liegen 2500 Jahre Geschichte dazwischen.
An diesem Ort, an diesem Denkmal für alle Opfer auf dem Bachern-Gebirge, wäre es zu simpel zu sagen, dass wir nicht genug aus der Geschichte gelernt haben. Wie auch immer. Es gibt auch gute Taten und fleißige Menschen, die sehr wenig brauchen, um das zu tun, was der Mensch tun muss, was seine moralische Pflicht von ihm verlangt: Die Orte mit einem Mahnmal zu versehen und alle, die zufällig vorbeikommen, daran zu erinnern, dass bei St. Heinrich (Areh) Verbrechen stattgefunden haben, die nicht hätten stattfinden dürfen.
Der Geschichte bleibt nichts verborgen, auch wenn Schweigen darüber angeordnet worden war und fast ein halbes Jahrhundert lang andauerte.
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Redakteur: Jan Schaller
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