Marburg wird zu Unrecht als „Industriewüste“ bezeichnet, eine Stadt ohne Kulturgeschichte. Nur seltene Menschen stellen sich die Frage: Wie kam es dazu? Erst die Ernennung der Stadt zur „Kulturhauptstadt Europas 2012“ regte tiefere Überlegungen darüber an, wo Jahrzehnte und Jahrhunderte des Kunstschaffens in Marburg verloren gegangen sind.
In dieser typisch multikulturellen mitteleuropäischen Stadt haben, genannt in alphabetischer Ordnung, Deutsche, Italiener, Juden, Kroaten, Russen, Serben, Slowenen, Tschechen und Ungarn ihre Spuren auf kulturellem Gebiet hinterlassen. Am sichtbarsten die Deutschen, die auf allen Gebieten die Unterstützung der Monarchie genossen, und Slowenen, die mehrheitlich das Einzugsgebiet der Stadt bewohnten. Nach dem Völkerfrühling im Jahr 1848 wuchs das slowenische Nationalbewusstsein und die Atmosphäre in der Stadt wurde zunehmend von den Beziehung zwischen der deutschen und der slowenischen Kultur beeinflusst. Die neuen international festgelegten Grenzen setzten Marburg nach dem Zerfall der Monarchie auf die jugoslawische Seite, wodurch die Marburger Deutschen zu einer Minderheit wurden. Zwar genossen sie den internationalen Schutz, der jedoch bald verwässerte und innerhalb weniger Jahre verließen fast alle deutschsprachigen Kulturschaffenden die Stadt. Wir können die Gründe für ihr Weggehen nicht verallgemeinern, doch im Großen und Ganzen betrachtet waren die neuen Verhältnisse für sie ungünstig und der Druck auf die Deutschen sehr stark. Es ist nachvollziehbar, dass Marburg slowenische kulturelle Institutionen stärken musste, um verlorene Kulturzentren Triest, Neu-Görz und Klagenfurt zu ersetzen, doch die Stadt hätte durchaus im größeren Maße ihre Multikulturalität bewahren können.
Nach der deutschen Besatzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg wandte sich die Unterdrückung in die Gegenrichtung um. Für die slowenische Kultur galt Zwangsverbot, was nach dem Untergang des Dritten Reichs für die deutschen Bewohner Marburgs tragische Konsequenzen hatte. Die gesamte deutsche Kulturtradition der Stadt wurde ausgelöscht. Marburg verzichtete ausnahmslos auf den deutschen Teil seiner Kultur. Damit öffnete sich eine große Lücke, über die sehr lange nicht gesprochen werden durfte.
Die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens brachte die Möglichkeit für die organisatorische Verbindung der wenigen übriggebliebenen Vertreter der ehemaligen deutschsprachigen Minderheit, was auch in Marburg geschah. Der Kulturverein deutschsprachiger Frauen Brücken sammelte allmählich den Mut, die Mittel und die Kenntnisse für die Erforschung der kulturellen Vergangenheit der Stadt und brachte die Leistungen der Marburger Deutschen ans Licht. Das Projekt wurde von den städtischen Kulturorganisationen unterstützt, die begriffen, dass es sich hierbei um verlorene und verschwiegene Werte des Kulturschaffens in Marburg handelt. Die Unterstützung kam auch aus den österreichischen und deutschen kulturellen Kreisen, weil vermisste Elemente der österreichischen bzw. der deutschen Kulturtradition wiederentdeckt wurden. Schließlich haben Slowenien und Österreich eine Vereinbarung über die gemeinsame Unterstützung der Kulturtätigkeit der deutschsprachigen ethnischen Gruppe in Slowenien getroffen. Unserem Verein kamen ebenso Menschen zu Hilfe, die zwar keine deutschen Wurzeln haben, jedoch aus künstlerischen und fachlichen Beweggründen die Bedeutung des Beitrags der Deutschen zur Kultur Marburgs und Sloweniens erkannten. Insbesondere mit ihrer Hilfe war es möglich, das historisch bedingte Anathema des Deutschtums zu überwinden, das der Schaffung eines friedlichen Miteinanders in einem verbundenen und offenen Europa im Wege steht.
Die Marburger Deutschen waren auf allen Gebieten des Kulturschaffens aktiv und erreichten öfter internationale Bekanntheit, wodurch auch die Stadt weltweit einen hervorragenden Ruf genoss. Zuerst konzentrierte unser Verein sich auf die Musik, was mit der Gründung unseres Kammerchors „Hugo Wolf“ einherging. Der Chor machte sich unter der künstlerischen Leitung von Aleš Marčič schnell europaweit einen Namen. Im Rahmen des Symposiums anlässlich des 80. Geburtstags von Frau Doris Debenjak, deren Verdienst die Einigung der deutschen Minderheit in Slowenien ist, haben wir siebzehn Marburger Literaten vorgestellt, die in deutscher Sprache schrieben. Eine große Zahl herausragender Schöpfer auf dem Gebiet der darstellenden und der bildenden Kunst sowie des Films und der Architektur wartet noch darauf, vorgestellt zu werden. Beim Marburger Publikum löste die Tatsache, dass unsere Stadt sich mit folgenden außerordentlichen Künstlern rühmen kann, große Begeisterung aus:
Als Marburg zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, war es nicht mehr möglich, den Beitrag der Marburger Deutschen zum kulturellen Leben der Stadt zu verleugnen. Zur allgemeinen Überraschung (Oder vielleicht war es auch keine?) war die Ausstellung darüber eines der meistbesuchten und beachteten Ereignisse des Jahres 2012.
Das Projekt zur Vorstellung des Kulturschaffens der Marburger Deutschen initiierten wir im Jahr 2008, als im Rahmen des Festivals „Wenn ein Buch dich schreibt“ der „Tag der Literatur der deutschen ethnischen Gruppe“ stattfand und die Philosophische Fakultät ein Symposium über die deutschsprachige Literatur im slowenischen Raum veranstaltete. Ende dieses Jahres stellten wir mithilfe von Dr. Wolfgang Suppan die Bedeutung der Familie Lannoy vor, anlässlich des 200. Jubiläums ihrer Ankunft in Marburg. Außerdem organisierten wir ein Remake des Konzerts von Franz Liszt im Rittersaal der Stadtburg, das von der Pianistin Tatjana Ognjanović durchgeführt wurde. Seit 2008 stellen wir jedes Jahr mindestens einen bedeutenden Schöpfer unter den deutschsprachigen Marburgern vor. Die vorliegende Publikation fasst einen Teil der umfangreichen Dokumentation zusammen, die binnen zehn Jahren herausgegeben wurde.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei zahlreichen Menschen bedanken, die an der Erforschung und Vorstellung der deutschen Kultur in Marburg mitgewirkt haben. Großer Dank gebührt unseren Kofinanzierern in Slowenien (Kulturministerium der Republik Slowenien, Öffentlicher Fonds für Kulturtätigkeiten RS, Stadt Marburg, Bund der Kulturvereine Marburg) und Österreich (Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich, Steiermärkische Landesregierung, Kärntner Landesregierung, Verein Südmark Graz, Kärntner Heimatdienst). Mit Ihrer aller Unterstützung dürfen wir hoffentlich auch zukünftig rechnen, denn es gibt noch viel Unentdecktes und Unbekanntes, das die kulturbewusste Öffentlichkeit interessieren sowie das kulturelle Gesicht Marburgs und seine Geschichte abrunden wird.
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Redakteur: Jan Schaller
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