80 JAHRE SEIT DER GEWALTSAMEN VERTREIBUNG DER ABSTALLER-DEUTSCHEN
„Erinnern ist eine moralische Pflicht“
Zweisprachige Ausstellung präsentiert die Geschichte des Abstaller Feldes und seinen Bewohnern
Am vergangenen Sonntag, 18. Jan 2026, war im Josef-Matl-Haus in Abstall, am Sitz des Kulturvereins Abstaller Feldes, die Gedenkfeier zum 80 Jahrestag. Am 13. Januar 1946 wurden die deutschsprachigen Bewohner gewaltsam vertrieben. Für sie begann ein mehrwöchiger Überlebenskampf, obwohl der Zweite Weltkrieg bereits Monate zuvor beendet war.
Die Gedenkfeier begann mit der Eröffnung einer zweisprachigen Ausstellung, kuratiert vom Vereinspräsidenten Ivan Rihtarič und dem Sekretär Jan Schaller. Die Ausstellung bietet einen Querschnitt durch das tausendjährige Leben der Abstaller-Deutschen. Laut Schaller soll diese Ausstellung historischen Ereignisse auf interessante Weise präsentieren, insbesondere für junge Menschen. Daher sind auch weitere Führungen und Präsentationen geplant.
Die Ausstellung präsentiert die Besiedlung des Abstaller Feldes durch die Geschichte: das Leben in Österreich-Ungarn und die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, nach dem Ersten Weltkrieg. Der Schwerpunkt liegt auf der Vertreibung der Abstaller-Deutschen, und wird anhand persönlicher Schicksale dargestellt.
Die slowenische Minderheit lebte harmonisch mit den Deutschen zusammen.
Nach den ungarischen Plünderungen im 10. und 11. Jahrhundert begannen die neuen Landbesitzer Spanheimer, das Gebiet des Abstaller Feldes mit deutschsprachigen Einwohnern zu besiedeln. Vom frühen Mittelalter bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte das gesamte Gebiet des Abstaller Feldes zum Herzogtum Steiermark. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es auf Grundlage des Saint-Germain-Friedensvertrags gegen das heutige österreichische Bad Radkersburg getauscht und dem SHS Staat/ Königreich Jugoslawien zugeteilt. Das Gebiet war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fast ausschließlich von einer deutschsprachigen Bevölkerung bewohnt, daher war Deutsch die vorherrschende Sprache, und die slowenische Minderheit lebte weitgehend harmonisch mit der deutschen Mehrheit zusammen.
Am 4. Juli 1945 mussten viele Abstaller-Deutsche erstmals ihre Heimat verlassen und wurden in das Konzentrationslager Sterntal/heute Kidričevo deportiert. Sie durften nur das Nötigste mitnehmen und arbeiteten im Lager unter schlechten Bedingungen und mit mangelhafter Verpflegung. Es gab viele Todesfälle, da sich auch Typhus ausbreitete. Nach dem Eingreifen des Internationalen Roten Kreuzes und aufgrund der bevorstehenden ersten Nachkriegswahlen musste das Lager Ende Oktober aufgelöst werden, und die Abstaller-Deutschen konnten in ihre Heimat zurückkehren. Einige Abstaller-Deutsche Flüchtlinge, die bereits jenseits der Grenze in Österreich lebten, kamen Ende 1945 illegal mit dem Boot über die Mur in das Abstaller-Gebiet, teils um ihren Besitz abzuholen, teils um ihre Angehörigen zu evakuieren. Die Verbliebenen wurden Anfang 1946 gewaltsam Vertrieben.
Waltraud Reich Erinnerungen an Damals
Bei dieser Gedenkfeier wurde unter den zahlreichen Anwesenden, viele waren Nachkommen ehemaliger Bewohner von Abstaller Feld, auch der Botschafter der Republik Österreich, Konrad Bühler. In seiner Rede erinnerte er an das tragische Ereignis von 1946, als mehr als 2.000 Menschen von der jugoslawischen Armee gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen. Die Deportation erfolgte in Lastwagen und Viehwaggons, und etwa 300 Menschen starben wegen der Kälte. Nach wochenlangen menschlichen Leid wurden die überlebenden Abstaller-Deutschen schließlich in Österreich aufgenommen, die die Deportierten zuerst zurückschickte.
„Die Vertreibung der Abstaller -Deutschen, die bis 1918 Österreicher waren und nie wirkliche Deutsche waren, ist eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte. Gedenken ist eine moralische Pflicht: Es bedeutet, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit zu benennen, das Andenken an die Opfer zu bewahren und ihnen so ihre Würde zurückzugeben. Erinnern bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen – nicht für die Vergangenheit, denn keiner hier Anwesenden trägt die Verantwortung für die Ungerechtigkeiten jener Zeit. Wir alle tragen jedoch Verantwortung für die Zukunft, die wir gemeinsam besser gestalten können“, sagte Bühler.
Er betonte auch, dass Slowenien und Österreich als Nachbarn durch eine enge und vertrauensvolle Partnerschaft verbunden seien und dass das gemeinsame Gedenken ein wichtiger Schritt zur Versöhnung sei, „weil es Brücken zwischen Menschen über Grenzen hinweg baut“. An der Veranstaltung nahmen auch die stellvertretende deutsche Botschafterin in Slowenien, Julia Kohlheim, und der Bürgermeister von Apače/Abstall, Andrej Steyer, teilt, der auch zu den Anwesenden sprach.
Waltraud Reich, eine ehemalige deutschsprachige Einwohnerin von Abstall, erzählte anschließend ihre persönliche Geschichte. Sie wurde 1937 in Apače/Absall geboren, ihre Eltern, Alois und Anna Reich, besaßen ein Geschäft, das sich auf dem heutigen Parkplatz in unmittelbarer Nähe von Matls Haus befand. Zum Zeitpunkt der Vertreibung war sie erst neun Jahre alt, ihre zwei Schwestern zwölfeinhalb Jahre und 20 Monate. Den Kindern wurde nichts über die Reise gesagt, wohin sie gebracht werden. Sie wurden der Obhut ihrer Mutter und Großmutter anvertraut. Frau Reich erinnert sich noch heute an eine Zugfahrt, die nach zwei Wochen in Wien Halt machte. Dort wurden die Passagiere vom Internationalen Roten Kreuz besucht und versorgt. Zuerst wurden sie von Läusen befreit und erhielten auch warmes Essen. Der Zug stand dort auf den Gleisen, erinnert sich Reich, und sie wussten nicht, was mit ihnen geschehen wird und wer ihnen helfen würde.
Nach einigen Tagen des Wartens wurde ihnen mitgeteilt, dass der Zug in ihre Heimat zurückkehren wird. Doch ihre Mutter glaubte diesen Gerüchten nicht, und so verließ die Familie den Zug und blieb in Wien. Die kluge Entscheidung der Mutter bewahrte sie vor einer viel größeren Tragödie, die diesen Zug erwartet hatte, denn Dutzende Menschen starben in Murakeresztur in bitterer Kälte und an Hunger. Dank des unerschütterlichen Willens ihrer Mutter und trotz großer Schwierigkeiten erreichte die Familie Reichs innerhalb weniger Tage Graz, wo Verwandte ihnen eine vorübergehende Unterkunft anboten. Anfang Februar kamen sie in einem offenen Lastwagen in Strass an, wo sie von Verwandten herzlich aufgenommen und mit allem Nötigen zum Überleben versorgt wurden.
Später, als Reisen innerhalb Sloweniens ohne Visum möglich waren, wollte meine Mutter ihr Elternhaus in Abstall wieder besuchen. Sie besuchte mehrere slowenische Familien, mit denen sie schon vorher länger in Kontakt standen, und kehrte so auch später noch mehrmals nach Abstall zurück. Waltraud Reich besucht diese Orte und Menschen auch im hohen Alter noch mehrmals im Jahr.
Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung fand in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Abstall ein zweisprachiger Gedenkgottesdienst statt, gefolgt von der Weihe des Kreuzes und Gedenktafeln, die an die gefallenen Einheimischen erinnern.
Ein Kultur- und Dokumentationszentrum entsteht.
Der Kulturverein Abstaller Feld will nach jahrelanger Inaktivität jetzt mit dieser Veranstaltung, die Erinnerung an die ehemals überwiegend deutsche Bevölkerung der Region wieder beleben und damit seine Mission neu erfüllen. Der Verein wurde von Roza Verbošt gegründet, die ihn bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 leitete. Während all dieser Jahre setzte sie sich aktiv für die Völkerversöhnung ein. Nach ihrem Tod übernahm David Urbanič die Leitung des Vereins, in dessen Zeit wurde leider praktisch die Vereinsarbeit stillgelegt. Vor zwei Jahren wurde eine neue Führung des Vereins gewählt, und der bereits erwähnte Präsident Ivan Rihtarič ist zweifellos die richtige Wahl. Er ist in der Öffentlichkeit als Experte bekannt, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit vor allem mit dem Abstaller Feld und der gewaltsamen Vertreibung der mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung im Januar 1946 befasst hat. Er ist außerdem Präsident des Historischen Vereins Gornja Radgona und Mitglied der Geschichtsvereine in Klagenfurt und Graz. Für sein Engagement erhielt er den Dr.-Anton-Trstenjak-Preis der Gemeinde Gornja Radgona, eine Urkunde mit dem goldenen Wappen der Gemeinde Radenci sowie eine Goldmedaille des ZOTK Sloweniens.
Wie Rihtarič erklärte, wird die aktuelle Ausstellung auf Wanderschaft gehen und stößt in Österreich bereits auf großes Interesse. Zukünftig ist die Einrichtung eines Kultur- und Dokumentationszentrums im Matl-Haus geplant. Dazu sind alle eingeladen, die Erinnerungen oder Fotografien besitzen, sich zu melden und so zur Bewahrung des Andenkens an die deutschen Apachen beizutragen.
Maja Hajdinjak
e-mail: STEIERMARK.STAJERSKA@GMAIL.COM
Redakteur: Jan Schaller
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