Als wir unsere Reise zum 26. Steirertreffen in Reschitz planten, sagten wir uns, es ist ein weiter Weg nach Rumänien, lass uns doch mehrere Veranstaltungen miteinander verbinden. So wurde unsere viertägige Reise nach Rumänien aus drei Veranstaltungen-Besuchen komponiert.
– Temeswar – Kulturhauptstadt Europas, Heimattage der Banater Deutschen
– Steirertreffen der Steirer in Reschitz – Präsentation der neuesten Sammlung und eine literarische Lesung des Kulturvereins deutschsprachiger Frauen Brücken aus Marburg an der Drau
– Feier zum 250-jährigen Bestehen von Steierdorf
Die zehnstündige Fahrt nach Rumänien, ohne größeren Zwischenstopp, da wir um 17:00 Uhr an einem Kulturprogramm in Temeswar teilnehmen wollten, war schon in voraus ein Problem. Dazu kam noch, dass wir wegen der Zeitverschiebung an der Grenze zu Rumänien eine weitere Stunde verloren haben. Aber zum Glück verpassten wir nicht das nachmittägliche Kulturprogramm Deutsche Heimattage im Dorfmuseum im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas. Am Eingang des Park-Dorf-Museums sah es so aus, als würden wir ins einen Zirkus steigen, so hoch war der Zaun. Aber das war dann eine Überraschung – ein großer Park am Rande von Temeswar erwartete uns. Ein Park mit einer offenen überdachten Holzbühne und einem hölzernen Vordach, und am Rande des Parks eine Reihe alter Gebäude, die den Bau von Häusern im Laufe der Jahrhunderte zeigen. Eine einzigartige Idee und eine kurze Geschichte der Existenz eines Volkes.
Als wir uns dem Hauptveranstaltungsbereich näherten, in dem die Heimattage der Banater Deutschen stattfanden, dachten wir, wir seien in Deutschland, denn es waren viele Besucher in deutscher Tracht, und die sprachen Deutsch. Während des dreistündigen Programms konnten wir viele deutsche Gruppen aus dem Banat sehen, wo die deutsche Volksgruppe lebt, von den Kindern bis zu den Ältesten, die deutsche und lokale Folklore tanzten oder deutsche Volkslieder sangen. Die Titel der Gruppen reichten von “Edelweiß” über “Banater Spatzen” bis hin zu “Vergissmeinnicht” – ein echtes “Volksfest” der deutschen Minderheit. Herzlichen Glückwunsch! An selbst gebrautem Bier, Fleisch-Tschewaptschitschi und Pleskavic herrschte kein Mangel. Die einzigen die in dieser Reihe extra auffielen, waren unsere Musiker »Bläserquartett”, das hauptsächlich steirische Musik spielte.
Temeswar, die fünftgrößte Stadt Rumäniens, liegt im Banat, das einst unter ungarischer Verwaltung stand; heute gehören zwei Drittel des Banats zu Rumänien, das westliche Drittel des Banats zu Serbien, und der nördliche schmale Rand des Banats gehört nun zu Ungarn.
Von 896 bis 1526 gehörte das Banat den Ungarn, danach stand es zwei Jahrhunderte lang unter türkischer Herrschaft. 1716 wurde Temeswar von der habsburgischen Armee von den Türken erobert/befreit, und so begann eine große Einwanderung von Deutschen und Österreichern in dieses vorwiegend landwirtschaftliche Gebiet, eine Kornkammer der österreichisch-ungarischen Monarchie. Von 1778 bis 1919 gehörte das gesamte Banat zum ungarischen Teil der Monarchie. Interessanterweise entstanden in diesem Gebiet jedoch zwei große deutschsprachige Inseln, im Flachland in Temeswar durch die deutschen Donauschwaben und in dem hügeligen Süden, wo sich die Eisenindustrie etablierte, durch die österreichischen Steirer.
Temeswar, deutsch auch Temeschburg, ungarisch Temesvár, rumänisch Timişoara, serbisch Temišvár hat den inoffiziellen Namen “Klein Wien”, da es die letzte “Weststadt” der Monarchie sein sollte.
Heute hat die Stadt 300.000 Einwohner, von denen 15.000 Ungarn und je 4.000 Deutsche und Serben sind. Alle diese Minderheiten sind offiziell anerkannt, haben gleiche Rechte und sind eng in das tägliche Leben von Timișoara eingebunden. Die Rumänen sind stolz darauf, dass in Temeswar 1989 die Revolution gegen das kommunistische Regime und der Sturz von Nicolae Ceausescu begann.
Zwei notwendige Klarstellungen: In Rumänien werden die Roma Zigeuner genannt, denn ROM ist die Abkürzung für Rumänien. „Donauschwaben” ist in Rumänien kein Schimpfwort oder eine Beleidigung, sondern bezeichnet, woher die Deutschen nach Rumänien kamen. Der deutsche Adel entlang der Donau soll die Donauschwaben, die im Mittelalter Bauernaufstände organisierte, auf “Ulmer Schachtel”-Boote verladen und Donauabwärts geschickt haben. Die sind in Banat gelandet, wo sie auf dem fruchtbaren Boden blieben.
Am zweiten Tag unserer Rumänienreise besuchten wir am Vormittag das Theater in Temeswar. Interessanterweise hat dieses Theater eine Oper und drei Schauspielensembles, ein rumänisches, ein deutsches und ein ungarisches. Das Opernhaus in Temeswar wurde von 1871-1875 im italienischen Neorenaissance-Stil erbaut, die Außenfassade wurde 1934-1936 im neobyzantinischen Stil errichtet. Erst wenn man das Opernhaus betritt, sieht man das echte alte Wiener Theater mit seinen vielen Verzierungen. Aber das war nicht die einzige Überraschung. Die Feier Heimattage der Banater Deutschen überraschte uns noch ein paar Mal; so sang das Publikum die deutsche und die Europa Hymne. Aus den Reden war zu entnehmen, dass viele Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien nach Deutschland als „Gastarbeiter“ ausgewandert sind. Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg und die Stadt Ulm sind mit Temeswar durch Patenschaften verbunden. Unter den Zuschauern konnte man nicht unterscheiden, wer die „Gastarbeiter” waren, die zu Besuch gekommen waren, um zu feiern, und wer die einheimischen Deutschen, denn alle sprachen fließend Rumänisch und Deutsch. Alle Redner, die meisten von ihnen Gäste, überbrachten Grüße an die jungen und weniger jungen Mitglieder der Donauschwaben oder Banaterschwaben. In ihren Reden betonten sie vor allem, dass Temeswar mit gleichberechtigten Minderheiten zusammenlebt und dass sie sich freuen, dass die „Gastarbeiter“ in ihre Heimat zurückkehren, weil sie ihre Heimat nicht vergessen haben. Zu den Reden gehörten auch einige Vorträge, wie z.B. “Zukunft braucht Herkunft” oder “Was ist Heimat”, dass es die Kultur eines Volkes ist und wie man sich um junge Menschen kümmert – mit “Heimatbetreuung”.
Vor allem aber betonten die Redner, dass sie stolz darauf sind, dass etwas, was sie verloren glaubten, dass die deutsche Minderheit aussterben würde, in die Heimat zurückkehrt, mit großen Schritten zurückkehrt und die Verbliebenen auf diese Weise auch stärkt. „Und wir danke Ihnen allen, dass Sie in ihre Heimat zurückgekommen sind“, betonten alle.
Eine Überraschung war die Rede des Bundesabgeordneten der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, der darüber sprach, wie die Minderheiten im rumänischen Parlament für eine bessere Zukunft für alle in Rumänien arbeiten.
Eine noch größere Überraschung war der Bürgermeister von Temeswar, ein Angehöriger der deutschen Minderheit, der darauf hinwies, dass die Ansiedlung der Deutschen im 18. Jahrhundert vor allem Entwicklung gebracht hat. Sie brachten nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Bräuche, ihre fleißigen Hände und vor allem das Zusammenleben mit den anderen Völkern in der Region, und schufen so die einzigartige Entwicklung von Temeswar, auf die alle stolz sind.
Diese positive Einstellung zur deutschen Volksgruppe ist in Rumänien nicht ungewöhnlich, denn auch der rumänische Staatspräsident Klaus Iohannis gehört der rumäniendeutschen Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen/Transsylvanien an und war ab dem Jahr 2000 Bürgermeister von Hermannstadt /Sibiu.
Nach den Feierlichkeiten in der Oper machten wir einen kurzen Rundgang durch das Zentrum von Temeswar und waren angenehm überrascht, wie sauber es ist und wie europäisch die Restaurants und Bars wirklich sind. Eine echte europäische Hauptstadt also, nicht nur eine Kulturhauptstadt.
Text und Foto von Jan Schaller
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Redakteur: Jan Schaller
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