Gedenken an die Hunger- und Kältetoten von 1946

Denkmal für die 77 Menschen, die im kalten Winter im Januar/Februar 1946 in Viehwaggons auf den Gleisen starben

     Jedes Jahr organisiert die Landsmannschaft der Deutsch-Untersteierer in Österreich eine Gedenkfahrt nach Ungarn in die Stadt Murakeresztúr, den Exil-Deutschsprachigen aus dem Abstallerfeld besser bekannt als der Ort, an dem sie in der bitteren Kälte des Januars und Februars 1946 in Viehwaggons eingesperrt waren und auf die schicksalhafte Entscheidung warteten, ob sie getötet werden, in ein anderes Lager gebracht oder vielleicht sogar in ihre Heimat ins Abstallerfeld entlassen werden.
Normalerweise steigen wir in einen Bus, der fast voll ist, aber diesmal war der Bus bis Mureck fast leer, die meisten von uns stiegen erst in Mureck ein, und entlang der Mur bis zum letzten österreichischen Dorf, Sicheldorf, wo wir Mitglieder mitgenommen haben. Die letzte die im Sicheldorf eingestiegen ist, war die sehr wortgewandte Maria. Als sie bemerkte, dass wir auch Slowenisch sprechen, erklärte sie gleich: “Wissen Sie, wir haben zu Hause beide Sprachen gesprochen, mein Großvater hat mir Slowenisch beigebracht, und zwei Sprachen zu können ist immer willkommen. Ich bin schneller in Gederovci, auf der slowenischen Seite als in Bad Radkersburg”.

   Kurz zuvor ist auch Rudolf, ein pensionierter Professor aus Wien mit seinen Krücken in den Bus gestiegen. “Solange ich laufen kann, muss ich diesen Weg des Gedenkens gehen, um sich an die Bekannten, die in Kälte und Hunger gestorben sind, zu erinnern”, sagt er. Seine Familie wurde nach dem Krieg aus Tschechien vertrieben. Im Alter hat er in Bad Radkersburg einen Zweitwohnsitz gefunden, dort neue Freunde kennen gelernt, vom Schicksal der Abstaller erfahren und ist seither regelmäßiger Teilnehmer.

     Und die Nachbarin, die hinter mir saß, sagte traurig: “Eigentlich fühle ich mich unwohl, wenn ich diesen Weg gehe, den Weg der Erinnerung an mein Leid, an meine Verwandten, die damals gestorben sind. Es ist eine wirklich traurige Geschichte, wie sie uns aus dem Abstallerfeld, unsere Heimat, vertrieben haben und uns vernichten wollten. Es ist auch heute noch sehr schmerzhaft, wenn ich über die Grenze in meine Heimatstadt Abstall fahre, um unser Haus zu sehen, das noch heute dort steht.” Jeder Reisende hat seine eigene Geschichte, Erinnerungen an die harten Zeiten im Januar 1946, als sie noch in ihren Häusern im Abstallerfeld lebten und nach dem Ende des vierjährigen Krieges erwarteten, dass es wenigstens so sein wird wie im Königreich Jugoslawien, als das Gebiet zweisprachig war.

    Auf dem Weg zu unserem Ziel hielten wir noch kurz für einen Kaffee in Letenye, wo wir aus dem Bus ausstiegen und einen Ort, der auf den ersten Blick noch in den 1980er Jahren lebt, gesehen haben. Zumindest das Stadtzentrum sieht so aus, als sei dort die Zeit stehen geblieben.

     Kurze Zeit später kamen wir in Murakeresztúr an, wo wir hinwollten. Die erste Erwähnung dieses Ortes geht auf das Jahr 1347 zurück, als hier ein Benediktinerkloster errichtet wurde. Der Wendepunkt für das Leben in diesem Dorf kam im Jahr 1860, als eine Eisenbahnlinie zwischen der nahe gelegene Stadt Nagykanizsa/Großkirchen und dem heutigen Kroatien gebaut wurde. So ist die Eisenbahnbrücke über den Fluss Mur, die in die kroatische Stadt Kotoriba führt, den Touristen sehr bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stagnierte dieses ungarisch-kroatische Mischgebiet aufgrund seiner Grenznähe entlang der Mur und der schlechten zwischenstaatlichen Beziehungen. Mit dem Wiederaufbau der Eisenbahnbrücke über die Mur im Jahr 1970 erlangte Murakeresztúr jedoch durch den Eisenbahnanschluss wieder an Bedeutung, insbesondere für den Güterverkehr mit Jugoslawien.

    In der örtlichen Heiligen-Kreuz-Kirche wurden wir bereits erwartet, denn es war eine Gedenkmesse angesetzt. Schauten zu Beginn des Gottesdienstes einige unsere Leute etwas befremdet, weil der Gottesdienst in ungarischer Sprache abgehalten wurde, überraschten uns die Einheimischen beim Verlassen der Kirche mit einer großartigen Agape, das wir bei unseren jährlichen Besuchen noch nicht erlebt hatten.
Wir fuhren am Bahnhof vorbei, wo wir für eine Schweigeminute anhielten, für die vertriebenen Abstaller, die in der Kälte im Januar und Februar 1946 in Viehwaggons ihr Leben verloren haben. Auf dem nahegelegenen Friedhof, wo alle 77 an Hunger und Kälte Verstorbenen begraben sind, haben die Angehörigen der Umgekommenen eine Gedenkstätte errichtet, die symbolisch auch allen anderen gewidmet ist, die auf der langen Reise starben, die an jenen Sonntag, dem 13. Januar 1946, begann, als die Kommunisten alle deutschsprachigen Einheimischen aus ihren Häusern aus dem Abstallerfeld vertrieben.

    Und bei der Gedenkstätte war es wieder einmal Zeit, sich an diese tragische Reise der deportierten Einheimischen aus dem Abstallerfeld zu erinnern.
Als es schien, dass mit Ende des Jahres 1945 das Schlimmste für die Abstall-Deutschen vorbei sei, dass sie in ihrer Deutschen Volksgruppe isoliert weiterleben könnten, ereignete sich ein unglücklicher Sonntag, der 13. Januar 1946.

    Während der Sonntagsmesse in der dortigen Pfarrkirche wurden sie von Angehörigen der Kommunistischen Politischen Polizei (KNOJ, OZNA, UDBA) gestört, nach Gestapo-Methode der Zwischenkriegszeit wurde ihnen bei der Hl. Messe klar gesagt, sie hätten 10 Minuten Zeit, nur das Nötigste mitzunehmen – maximal 10 kg. 2181 Einheimische aus 26 Dörfern wurden auf Militärlastwagen verladen, mindestens ein Drittel davon Kinder, der Älteste war 101 Jahre alt. In Radkersburg warteten bereits Viehwaggons auf sie, und in der Januarkälte begannen 84 volle Viehwaggons ihre Odyssee auf den Schienen quer durch Ungarn, zunächst nach Wien, dass damals unter Sowjetischer Führung war. Die wollte die Abstaller Deutschen jedoch nicht übernehmen. Die neue Heimat Österreich erschien ihnen vorerst wie eine Vertreibung aus dem Paradies. Es folgte die Rückfahrt in den Viehwaggons zurück zur ungarisch-jugoslawischen Grenze nach Murakeresztúr, wo sie drei Wochen in der bitteren Kälte warteten. Während dieser Zeit starben 77 an Hunger, Erkrankungen und Erfrierungen.
Nach drei Wochen übernahmen die jugoslawischen Behörden sie wieder und brachten sie dann vorbei an ihren Häusern quer durch Slowenien nach Jesenice, wo sie den Österreichern übergeben wurden. Es ist interessant, dass die Vertreibung der Abstaller Deutschen in allen Einzelheiten der Vertreibung der Slowenen ähnelte, die von den Nazis während des Krieges ausgeführt wurde. Also wie eine Art Rache. In Österreich ließen sich viele bei Verwandten und Bekannten nieder und warteten mehr als ein Jahrzehnt als Bürger zweiter Klasse auf die neue Staatsbürgerschaft, obwohl sie sich als Deutschsprachige betrachteten.

     Diese Aktion der neuen kommunistischen Regierung im Abstallerfeld nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist eine reine Kopie des Nazi-Terrors während des Krieges. “Sie sind schuld, dass sie Slowenen sind”, änderten die neuen Behörden, “sie sind schuld, dass sie Deutsche sind”. So wurde die altbewährte Nazi-Kriegstaktik buchstäblich kopiert und es blieb auch bei Bissigkeit, dass man nur bei der Unterschrift aufpassen musste, dass man den SS-Standartenführer in Major OZNE geändert hat…
Abstallerfeld – Geschichte

     Abstallerfeld wurde erstmals im frühen 13. Jahrhundert als Besitz des Benediktinerklosters St. Paul im Lavanttal in Kärnten, Österreich, erwähnt. In damaliger Zeit begann auch die deutsche Besiedlung dieses Gebietes.
Das Abstallerfeld, mit einer Fläche von 36 km2, wurde nur von der deutschsprachigen Bevölkerung bis 1918 während der österreichisch-ungarischen Monarchie besiedelt. Das Abstallerfeld war nach dem Ersten Weltkrieg mit St. Germain Vertrag (angenommen am 10.9.1919) an das Königreich SHS ausgetauscht für Bad Radkersburg mit Umgebung. Territorium auf dem linken Ufer der Mur wurde neuem Stadt Österreich zugewiesen. Die Grenze zwischen zwei neuen Staaten wurde endgültig der Fluss Mur.

     Während der Friedenskonferenzverhandlungen könnte das SHS-Königreich das Abstallerfeld verlieren. Bei den letzten Friedenskonferenzbesprechungen wurde nämlich Bad Radkersburg mit Umgebung, alles am linken Ufer der Mur, Österreich zugeteilt, und eine Volksabstimmung für das ganze Gebiet, besetzt von General Maister´s Truppen, war ebenfalls im Gange. Um die Volksabstimmung zu verhindern, wurde die Grenze entlang der Mur für beide Seiten die beste Lösung. Die General Maister Militärtruppen mussten daher das Territorium über die Mur verlassen. Der Wiener Großhändler Julius Meinl, der 1907 das Gut Freudenau in Schirmdorf/Črnci kaufte, blieb aber Besitzer auch im Königreich Jugoslawien, bis zur Verstaatlichung im Jahr 1945.

    Der Fluss Mur als Grenzlinie nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie in das Königreich Jugoslawien bedeutete für die mehrheitlich deutsche Bevölkerung des Abstallfeldes eine große Umstellung, an die sie sich zunächst nur schwer gewöhnen konnte. Mit dem Abstallerfeld gewann Jugoslawien rund 4.000 Einwohner, fruchtbare Felder und zahlreiche Mühlen an dem Fluss Mur. Im November 1920 bestand noch Hoffnung für Abstall-Deutsche, im neuen Staat Österreich zu landen, da sie diesen durch andere Grenzgebiete ersetzen sollten. Im April 1921 wurde jedoch in einer Zeitung veröffentlicht, dass deutsche Bauern über die Mur ziehen müssten, wenn sie in ihrer deutschen Gesinnung leben wollten.

    Trotz der slowenischen Schule im Königreich Jugoslawien behielten rund 3.000 Einheimische in Abstallerfeld Deutsch als Umgangssprache bei. Die meisten erwarteten bessere Zeiten mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Aber schon nach wenigen Wochen bedeutete die Nazi-Besatzung für viele slowenische Nachbarn Deportationen. Aber auch den Deutschen im Abstallerfeld wurde nichts Gutes prophezeit. Einige wurden schon während des Krieges von Partisanen verschleppt, andere Mitte Mai 1945 ohne Urteil ermordet, es erfolgten Deportationen in das kommunistische Lager Sterntal (Kidričevo).

     Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wanderten hierher Ansiedler aus verschiedenen Regionen, die auf verstaatlichtem Landbesitz ihre neue Heimat fanden. Einwanderer waren aber nicht an die landwirtschaftlichen Arbeiten gewöhnt. Bei der gewaltsamen Eingliederung in die Genossenschaften verließen die meisten von ihnen den ansonsten zugeteilten Grundbesitz. Die geleerten Güter wurden dann von Bewohnern aus der Nebenregion Prekmurje/Übermurgebiet angesiedelt. Das bedeutete eine fast vollständige Umwandlung der ursprünglichen Bevölkerung des Abstallerfeldes und schuf zwei lokale gesprochene Sprachen in der Region – das Alt-Abstaller Deutsch und der Prekmurje Dialekt, der auch heute zunehmend dominiert.

    Die im März 2006 neu gegründete Gemeinde Apače/Abstall umfasst heute 53,2 km2 und erstreckt sich entlang des Murflusses von Trate/Wiesenbach (gegenüber dem Ort Mureck) bis Podgrad, heute Vorort der Gemeinde Radgona (Radkersburg auf slowenischer Seite). Die Gemeinde Apače/Abstall umfasst heute 21 Siedlungen, hat 3.745 Einwohner in 1.241 Haushalte.

Text und Foto: Jan Schaller

Kirche des Heiligen Kreuzes in Murakeresztúr

Während des Gedenkgottesdienstes für die nach dem Krieg verstorbenen deutschen Bewohner des Abstallfeldes

Nach dem Gottesdienst wurden wir von den Einheimischen vor der Kirche mit einem Festmahl überrascht

Die Gedenkstätte auf dem Friedhof, die 1979, also noch während des Sozialismus in Ungarn, von den Angehörigen gestaltet wurde

Auf der anderen Seite des Denkmals stehen die Namen aller 77 Menschen, die in den Viehwaggons auf den Gleisen in Murakeresztúr wegen Kälte und Hunger gestorben sind

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