"Weil wir Menschen sind“

 

Werte Gäste, meine Damen und Herren,

Vor wenigen Tagen, am 8. Mai, gedachten wir dem Sieg über den Faschismus/Nazismus, aber nicht dem Tag der Befreiung; an diesem Tag begann bei uns ein neuer Terror, der Terror des Kommunismus.
Am 17. Mai erinnern wir uns in Slowenien an die Gewalt der Zwischenkriegszeit und insbesondere der Nachkriegszeit – das größte Verbrechen, das die kommunistische Ideologie an den Slowenen begangen hat. Dies war kein Kampf für die Freiheit. Dies war ein Völkermord an unserer eigenen slowenischen Nation, bei dem das Leben von mehr als 15.000 unserer Vorfahren ausgelöscht wurde, ganz zu schweigen von den Opfern anderer Nationalitäten in diesem Gebiet.

Wir stehen hier in Stille, nur unterbrochen von unseren Gedanken und Erinnerungen. Dieses Denkmal ist nicht bloss ein Stein – es ist ein stummes Kreuz, ein Anker, das Zeugnis von einer der größten Tragödien unserer Geschichte. So wie die Unabhängigkeit Sloweniens der hellste Punkt ist, so ist die kommunistische Gewalt der dunkelste Fleck unserer Geschichte. Sie erinnert uns an den Bruderkrieg und vor allem an die Massaker der Nachkriegszeit, die einer systematischen, grausamen und gegen eigenes Volk gerichteten Tötungsindustrie gleicht. Im Namen eine Ideologie wurden Tausende und Abertausende Slowenen getötet, gefoltert und vertrieben – Männer, Frauen, junge Männer, Mädchen und sogar Kinder. Priester, die die Religion predigten, Geschäftsleute, die Wohlstand schufen, Lehrer, die Wissen vermittelten, Bauern, die das Land bearbeiteten, und Intellektuelle, die im Freiheit von einem freien Slowenien träumten, alle diese wurden hingerichtet. Mit einem Schlag wurde der wichtigste Teil des nationalen Körpers ausgelöscht – seine moralische, kreative und spirituelle Wirbelsäule.

Heute, Jahrzehnte später, tragen wir noch immer die Folgen dieses Verbrechens in unserem Alltag. Unsere Gesellschaft ist zutiefst gespalten, ohne feste Werte und ohne klare Richtung. Alle vier Jahre, wenn Wahlen stattfinden – diese große slowenische Volksabstimmung –, wird unsere Verwundung aufs Neue deutlich. Eine ungewöhnlich große Mehrheit hat mit ihren Entscheidungen gezeigt, dass sie die Zehn Gebote Gottes – das Fundament jeder zivilisierten Gesellschaft – nur als alte, optionale Worte betrachtet. „Du sollst nicht lügen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten“ gilt nur noch für andere, nicht mehr für mich. Wir haben Leichtfertigkeit, Oberflächlichkeit, Relativismus und eine „Mein Weg“-Mentalität akzeptiert. Es fehlt uns an Tiefe, Verantwortung und Respekt vor der Menschenwürde.

Was ist der Geist eines Slowenen heute? Was haben sie in mir ermordet? Diese Frage müssen wir uns mutig und aufrichtig stellen. Es gibt noch viel Schönes und Gutes in uns: Fleiß, Gastfreundschaft, Liebe zum Vaterland, Talent für Gesang und Kunst, die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten zu bestehen. Doch gleichzeitig tragen wir die Narben der Vergangenheit in uns – die Angst vor der Wahrheit, die Neigung, sich dem Stärkeren anzupassen, ein stillschweigendes Dulden von Ungerechtigkeit, einen Zynismus und Materialismus, die Geld und Bequemlichkeit über alles stelen. Der kommunistische Terror zerstörte nicht nur Körper, sondern auch Vertrauen, Mut und moralischen Kompass. Er säte die Saat der Angst, die sich über Jahrzehnte zu einer Gewohnheit entwickelte. Zur Gewohnheit, lieber zu schweigen, wegzusehen, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Dieser Geist hat die Spaltung hervorgerufen, die wir in Familien, Dörfern und Ländern spüren.

Die Folgen der Geschichte sind schmerzhaft und langanhaltend. Ein demografisches Defizit, das sich nicht über Nacht beheben lässt. Verlust des biologischen Wachstums. Die erzwungene Migration unserer jungen Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben anderswo. Leere Schulen, verlassene Dörfer und ein alterndes Heimatland. Wir haben Generationen verloren, die das Land heute mit Weisheit und Ehrlichkeit führen könnten. Das ist kein Zufall. Es ist eine direkte Folge der Nachkriegsgewalt und der darauffolgenden Jahrzehnte spiritueller Vergiftung.

Wie also machen wir einen Slowenen zu einem rechtschaffenen Menschen? Wie erwecken wir ihn dazu, die Zehn Gebote Gottes auch zu leben, nicht nur zu kennen?

Die Lösung liegt nicht in neuen Gesetzen oder politischen Programmen. Die Lösung liegt in uns selbst, in unseren alltäglichen Entscheidungen und in langfristiger Arbeit. Zuallererst brauchen wir eine wahre Erinnerungskultur – nicht nur zeremonielle Ereignisse, sondern tiefgründige Deutungen der Geschehnisse. Wir müssen die Ursachen, Mechanismen und Folgen des Bösen verstehen, damit wir es nicht wiederholen. Wir brauchen eine Läuterung der Werte – eine gewaltlose, aber entschiedene Auseinandersetzung mit Lügen, Diebstahl, Korruption und Verbrechen. Wir verfügen über eine Datenbank mit den Namen der Opfer, aber nicht über die der Täter. Uns fehlt ein klares Bild von Verbrechen und Tätern. Dies ist keine Rache. Dies ist die moralische Hygiene der Nation und eine Voraussetzung für innere und äußere Sicherheit. Wo es keine Wahrheit gibt, gedeihen Erpressung und Werteverfall.

Wir brauchen eine Erneuerung wahrer Intelligenz – Menschen, die zurückblicken, lernen und nach vorne blicken können. Dazu gehören nicht nur Akademiker, sondern auch Eltern, Lehrer, Priester, Künstler und jeder Einzelne, der Lügen ablehnt. Jeder von uns kann dazu beitragen: indem wir Kinder zu Mut und Wahrheit erziehen, indem wir unsere gesamte Geschichte lesen und darüber sprechen, indem wir im Alltag ein persönliches Beispiel geben.

Wir müssen zu den Grundlagen zurückkehren: zu einer starken Familie als erster Zufluchtsort der Werte, zu einer Schule, die sich der umfassenden Wahrheit nicht verschließt, zur Kirche, die trotz Verfolgung das Licht des Glaubens und der Hoffnung bewahrt hat. Und vor allem zur persönlichen Verantwortung: Heute werde ich die Wahrheit sagen. Heute werde ich mir nicht einmal das kleinste Recht rauben. Heute werde ich das Leben und die Würde jedes Menschen achten. Wenn genügend von uns diesen aufrechten Schritt wagen, wird sich auch der nationale Geist wandeln. Junge Menschen müssen wissen, dass Gerechtigkeit stärker, edler und auf lange Sicht vorteilhafter ist als Nachgiebigkeit und Schweigen.

Möge dieser heutige Feiertag ein Schritt in die Richtung sein, die die griechische Antigone symbolisiert. Antigone, die ihren Bruder trotz des Verbots der Obrigkeit bestattete, weil sie wusste, dass es höhere Gesetze gibt – die Gesetze der Menschlichkeit, der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Möge unsere Antigone ein Beispiel dafür sein: die würdevolle Bestattung der Toten und die Überwindung der Lügen, die uns noch immer in der Knechtschaft des Geistes halten.

Liebe Freunde, lasst uns nicht in die Vergangenheit zurückkehren, um zu spalten oder zu hassen. Lasst uns zurückkehren, um zu heilen, zu lernen und voranzuschreiten. Damit wir unseren Kindern und Enkeln mit reinem Gewissen sagen können: „Wir wussten um das Böse, aber wir hatten die Kraft, es anzuerkennen, uns davon abzuwenden und ein rechtschaffenes Leben zu führen.“ Möge Slowenien ein Land sein, das aus tiefer Dunkelheit ins Licht der Wahrheit und Gerechtigkeit emporgestiegen ist.

Möge diese Erinnerung ein Licht sein. Ein Licht, das die Vergangenheit erhellt, die Gegenwart tröstet und den Weg in eine bessere Zukunft erleuchtet.

Vielen Dank, dass Sie heute hier sind.
Möge Slowenien nie wieder Brudermord erleben.
Möge unsere Erinnerung an diese Ereignisse niemals verblassen.

Menu