BUCH. Die Untersteiermark in der Geschichte ihrer Herrschaften und Gülten, Städt

BUCH. Die Untersteiermark in der Geschichte ihrer Herrschaften und Gülten, Städte und Märkte

Autor  Hans Pirchegger (1875-1973), ¸Österreichischer Historiker

Verlag R. Oldenbourg, München, 1962, 264 Seiten mit Faltkarte Übersichtkarte der untersteirischen Herrschaften

Einleitung: Übersicht über die Geschichte des ehemals steirischen Drau- Sann- Sotla- Gebietes, Seiten 1- 16

 

Zu der nationalen Problematik: Die Untersteiermark war, abgesehen von den Städten und größeren Märkten, von Slowenen bewohnt. Als ein Bauernvolk besaßen sie keine Schriftsprache und keine Literatur. Begabte konnten jedoch durch die Annahme der deutschen Kultur aufwärtssteigen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts suchten die Führer der steierischen Protestanten das slowenische Landvolk dadurch zu gewinnen, dass sie Übersetzungen von Bibel und Andachtsbücher ins Slowenische unterstützten. Damit wäre der Beginn einer Schriftsprache und einer Literatur gegeben gewesen, wenn das Volk die Lehre Luthers angenommen hätte, aber der Katholizismus entsprach seinem Wessen besser, er stellte sich auf die Seite der Gegenreformation.

    Erst die Volksschule Maria Theresias leitete eine neue Entwicklung ein. Es wurden slowenische Lehr- und Wörterbücher geschaffen. Ein weiterer Aufschwung erfolgte, als Napoleon Österreichs Länder 1809 als die „Sieben illyrische Provinzen“ Frankreich anschloss und das Slawentum besonders begünstigte, als Gegengewicht gegen die deutsch gerichtete Wiener Regierung. So wurde Laibach der nationale Mittelpunkt der gebildeten Slowenen, auch als die Länder 1813 zu Österreich zurückkehrten. Obwohl es um 1820 noch keine allgemein anerkannte slowenische Schriftsprache gab, forderten die Führer 1848 eine eigene Provinz Slowenien. Als sie dem Erzherzog Johann ihre Wünsche vorlegten, fragte er sie, ob auch die kärntnerischen und steierischen Slowenen diese billigen, konnten sie keine Antwort geben. Schwarzenberg und Bach wollten der ganzen Monarchie ein deutsches Gepräge geben, aber der Versuch einer Germanisierung scheiterte 1849-1859 ebenso, wie der unter Kaiser Josef II, und von 1941-1945, sie bewirkte das Gegenteil.

    Seit der steirische Landtag 1861 wieder einberufen wurde, gab es nationalpolitische Debatten. Die Führer der Slowenen gaben zwar zu, dass die südsteirischen Städte und Märkte bis auf sieben auf der Seite der Deutschen stünden, sie gaben auch zu, dass die Windischen Bühel nördlich Marburg zwar nicht germanisiert, aber schon mehr unslawisch in Spräche, Sitten, Gebräuchen und Kleidung geworden seien, was durch deutsche Bauernnamen bestätigt wird. Aber sie konnten doch beträchtliche Erfolge verzeichnen, seit der Marburger Kreis dem Bistum Lavant zugeteilt worden war, denn jetzt eine starke Slawisierung durch den Klerus ein.

    Der Deutsche Schulverein und die 1889 gegründete „Südmark“ suchten diese Entwicklung aufzuhalten. Als Österreich 1918 zusammengebrochen war, behaupteten bei den Friedensverhandlungen die Führer der Slowenen, das Deutschtum der Südsteiermark sei erst durch die beiden Schutzvereine künstlich geschlafen worden. Doch Akten des 17 und 18. Jahrhunderts bezeugen das Gegenteil. So ersuchte der Pfarrer des kleinen Grenzmarktes Rohitsch (Rogatec) im Jahr 1766 die Regierung, ihm einen Gehilfen zu bewilligen, welcher der deutschen Sprache mächtig sei. 1783 bat die Stadt Friedau (Ormož), das Franziskanerkloster nicht aufzuheben und hier eine deutsche Schule unterzubringen, der Frühgottesdienst wurde slowenisch, der Spätgottesdienst deutsch gehalten. Das gleiche ist für Windischgraz (Slovenj Gradec) bezeugt. In Windischfeistritz (Slovenska Bistrica) hatte die Bürgerschaft 1629 für den deutschen gottesdient ein Minoritenkloster gegründet, als es 1786 aufgehoben wurde, baten die Bürger den Kaiser, hier einen deutschen Seelsorger anzustellen, denn sonst des deutschen Handwerkers gesellen Ort und Arbeit verlassen werden. 1664 lehnte der Markt Luttenberg (Ljutomer) den ihm vorgeschlagenen Georg Schniderisch als Richter ab, weil er nicht deutsch könne. Der 1684 gewählte Simon Griesmüller konnte „gut deutsch, windisch und ungarisch sprechen, welche Sprachen man allhier wohl brauchte“. Die Geschäft Sprache war deutsch, „da man nur auf deutsch und niemals auf krobatisch procediret“.

     Lange bevor der Schulverein gegründet worden war, gab es deutsche kulturelle Einrichtungen wie Theater (Marburg, Cilli, Pettnau), Gesangsvereine usw. Im Marburg wurde 1823 ein Leseverein gegründet, in Luttenberg 1847, in Windischfeistritz 1855.
Die Städte und Märkte wurden seit jeher deutsch verwaltet, das bezeugen alle Akten, alle Steuer- und Grundbücher oder Urbane, mochten auch die Bewohner zu einem großen Teil- oder auch ganz, wie in den kleinen Bauernmärkten- Slowenen gewesen sein. Diese Bauernmärkte gingen zuerst dem deutschen Einfluss verloren, um 1868 zwar nur sieben, doch kurz vor dem ersten Weltkrieg besaßen nur mehr die acht Städte Marburg, Cilli, Pettau, Friedau, Windischfeitritz, Windischgraz, Schönstein (Šoštanj) und Rann(Brežice), sowie elf größere Märkte: Ober-Radkersburg, Luttenberg, St. Leonhard(Lenart), Rohitsch, St. Lorenzen(Lovrenc), Mahrenberg (Radlje), Hohenmauten (Mura), Weitenstein (Vitanje), Hochenegg (Vojnik pri Celju), Gonobitz (Slovenske Konjice) und Tüffer (Laško) deutsche Gemeindevertretungen. Mehr oder weniger starke deutsche Minderheiten gab es noch in vier Orten. Insgesamt zählten die Deutschen in der Untersteiermark im Jahr 1910 freilich nur 65.582 unter 403.506 Slowenen, also bloß 14 %, aber es war der wirtschaftlich stärkste und kulturell hochstehende Teil der Bevölkerung, ihm gehörte die Industrie, der Großhandel und das gehobene Gewerbe fast ausschließlich an. Außerdem war der größte Teil der herrschaftlichen Güter in der Hand der deutschen Besitzer, was für die Landwirtschaft bedeutungsvoll war, auch für den Weinbau.

     Doch der Rückgang des deutschen Einflusses war in der Zeit der Volkssouveränität und des Stimmrechtes der Massen kaum aufzuhalten, der deutsche Charakter des ganzen Staates aus der vormärzlichen Zeit bröckelte ja ununterbrochen ab. In der Südsteiermark erfolgte der Rückgang aber schon früher. Volk und geistige verfügten über eine sehr gebildete Oberschicht, die nicht mehr in die deutsche Kultur aufgehen wollte, wie das vor 1848 Regel war.

     Der Zusammenbruch Österreich Ende 1918 besiegelte das Schicksal der Untersteiermark. Die Alliierten gestatteten den serbischen Truppen so weit vorzudringen, als die politischen Ziele der Slowenen es wünschen ließen. Diese waren Vereinigung aller Slowenen. Man zweifelte allerdings anfangs, ob ihnen auch Marburg zufallen werde, denn hier weilten starke österreichische Infanterie- und Artillerie-Streitkräfte. Aber noch im August 1919 war beim Obersten Rat der Alliierten in Paris der Plan aufgetaucht, in Marburg eine Volksabstimmung durchzuführen. Als Kompensation wurde dafür Radkersburg Österreich überlassen. So ging die ganze Südsteiermark verloren, der größte Teil der Deutschen wanderte aus oder wurde entfernt.

     Der Verlust traf die Steiermark sehr schwer, denn sie war vom Unterland zu einem großen Teil versorg worden und die Ober- und Mittelsteiermark hatte ein großes Absatzgebiet der Erzeugnisse seine Industrie und seines Gewerbes verloren.
Allerdings, auch die Slowenen verspürten schnell die Folgen der Zerreißung sehr hart, sie fühlten sich durch die neue Herrschaft stärker bedrückt als vorher durch die deutsche. Deshalb begrüßten nicht nur Deutsche, sondern auch Slowenen die Wiedervereinigung der Steiermark in April 1941. Doch die nationalsozialistische Regierung beging die schwersten Fehler: Germanisierung, Ausweisungen, Umsiedlungen und zahlreiche Hinrichtungen von Geißeln als Vergeltung für Partisanenüberfälle. Die Folge war nicht nur, dass sich die zunächst über die Wiedervereinigung der Steiermark frohen Slowenen enttäuscht abwendet und sich wenigstens zum Teil den Partisanen angeschlossen, sondern dass nach dem Zusammenbruch im Februar 1945 die Deutschen der Untersteiermark restlos erleidt wurden, soweit sie nicht rechtzeitig geflohen waren.

   Das Deutschtum an der Drau und Sann gehört der Geschichte an.

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