Darüber gab Werner Kremm aus in Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare, auf Einladung des Kulturvereines deutschsprachiger Frauen “Brücken” Marburg am Montag, 11. Mai 2026 im Vereinsheim in der Barvaska ulica 4, einen Einblick aus dem aufwühlenden Buch “Die Flucht aus dem Banat im Herbst 1944“. Es handelt sich um Erzählberichte von Zeitzeugen, für deren Herausgabe Albert Bohn, Werner Kremm und Anton Sterbling zeichnen.
Werner Kremm, der sich schon länger mit dem Thema beschäftigt hatte, sah mit dem 80. Jahrestag der Ereignisse den Anlass gekommen, den geschätzt 35.000 Banater Geflüchteten eine Stimme für ihre Erlebnisberichte zu geben. Anstoß waren für ihn die Fluchtgeschichten aus der eigenen Familie, dazu hatte er bereits vor Jahren weitere gesammelt und zum 70. Jahrestag in einer Serie in der Banater Zeitung in Temeswar veröffentlicht, wo er bis heute Redakteur ist.
Im Band versammeln sich eindringliche Erzählberichte zur Flucht der Banater Schwaben, deren Stimmen sich durch Schmerz, Angst und zugleich stille Resilienz ziehen. Vordergründig steht die Erfahrung der Flucht – Wegstrecken, Proviantnot, Unsicherheiten, Abschiede. Die Texte tragen eine dokumentarische Würde, die dem Herzen der Geschichte begegnet, ohne zu beschönigen.
Werner Kremm, dessen Eltern und Großeltern mütterlicher- wie väterlicherseits und aus Großnikolaus stammend, ebenfalls betroffen waren, gab in anschaulicher Weise Einblick in einzelnen Erzählberichte und las einige Zeilen aus den Erzählungen von Käthe Schmidt „Nie wieder schien ihr Bettwäsche weißer“ …was Flucht außer Heimweh, Unsicherheit, Ungewissheit, Chaos und Angst noch alles bedeutet – nämlich unsäglicher Dreck, Durchfall, Krankheit, Hunger, Hilf- und manchmal Rücksichtslosigkeit – wird aus dem Erzählbericht von Käthe Schmidt sehr deutlich. Schwanger und mit drei kleinen Kindern war sie zusammen mit einer Freundin und deren Kindern nach Österreich geflüchtet, die Männer noch an der Front. Ein Wehrmachtsauto brachte sie fort aus ihrem Heimatdorf. Zurück blieben beide Eltern, winkend, ein Bild, dass sich der jungen Frau schmerzlich einprägte, ahnte man doch, dass es ein überstürzter Abschied für immer war, und doch hatten sie die Tochter zur Flucht gedrängt. „Fort, für immer fort…“
Die Flüchtenden kamen zuerst auf Bauernhöfen unter. Nicht immer waren sie willkommen. „Dann erging der Befehl, dass die Serben uns zur Donau fahren sollten“, erzählt Käthe weiter. Sie verbringt mit der Kleinsten eine Nacht in einem Kuhstall, die Freundin hütet mit den übrigen Kindern den Pferdewagen, „sonst hätten wir die Serben nie wiedergesehen“.
Nach Flüchtlingsheimen in Wien und Herzogenburg landet Käthe zur Entbindung in einer Klinik mit richtigem Bett. „Mit weißer Wäsche. Nie in meinem Leben, weder vor- noch nachher, schien mir Bettwäsche weißer “. Sie gebiert einen Knaben. Ein Kind mehr zu versorgen! Im Lager: Hunger und täglich Fliegeralarm…
Werner Kremm beendete seine Einblicke mit einem Zitat von Ingeborg Bachmann: Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.
Jan Schaller dankte Werner Kremm für die Einblicke an eine stille, aber eindringliche Erinnerung an eine Flucht, die Spuren in Familienbiografien und regionalen Gedächtnissen hinterlassen hat.
Werner Kremm, am 07.10.1951 in Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare geboren, besuchte dort die Grund- und Mittelschule an der deutschen Abteilung, er war Absolvent der ersten Generation der deutschsprachigen Lyzeumsabteilung von Großsanktnikolaus, studierte Germanistik und Rumänistik an der Universität Temeswar später Kommunikationswissenschaften und Journalistik an der Universität für Politische und Kommunikationswissenschaften Bukarest (1984-87). Von 1974-1980 war er Lehrer für Deutsch als Fremdsprache, danach und bis heute Journalist an deutschsprachigen Publikationen in Rumänien („Neuer Weg“, „Banater Generalanzeiger“, „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ – ADZ).
Werner Kremm ist Mitglied des Verbands der Berufsjournalisten Rumäniens und Gründungsmitglied (1972) der „Aktionsgruppe Banat“, Veröffentlichung von experimenteller Lyrik und Prosa in „Neuer Weg“, „Neue Banater Zeitung“, „Neue Literatur“ u.a. Veröffentlichung von Reportagen in Sammelbänden. Er verfasste eine Reihe von Büchern – als Besonders gelten seine Momentaufnahmen, Rumänien unter der Lupe, 2016, in denen er mit scharfem Blick die Zeit nach der Wende beobachtet und kritisch beschreibt. Ebenso enthalten zahlreiche Bände, die Werner Kremm übersetzt oder als Herausgeber betreut hat, Texte, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man das Land, die Region, die Menschen und die Zeiten im Banat kennenlernen und verstehen will.
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Redakteur: Jan Schaller
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