Schriftstellerin und Buchautorin Ivana Hauser aus Mahrenberg/Radlje
Tatsächlich wusste ich lange Zeit nicht, was Ivana Hauser jeden Montag von Mahrenberg/Radlje ins 50km entfernte Marburg zieht, um dort einen wöchentlichen Deutschkurs in unserem Verein zu besuchen. Doch nachdem ich einige ihrer verfassten Geschichten in unserem jährlichen Sammelband „Zwischenmenschliche Bindungen“ gelesen habe und mich mit ihr unterhalten habe, öffnete sich die sonst so geheimnisvolle Ivana Hauser und erzählte mir ihre Lebensgeschichte, die sie größtenteils auch beschreibt. Um sie besser kennenzulernen, muss man ihre Lebenserzählung zuerst anhören oder lesen:
Im Jahr 1997 war sie, nach allen Maßstäben und Gesetzen, so weit gereift, dass sie zu jenen reifen Früchten zählte, die im ständigen Kampf ums Leben abgeschrieben wurden, da sie den Ruhestand erreicht hatten. Doch für sie bedeutete das plötzlich acht zusätzliche Stunden am Tag als Überschuss.
Plötzlich war sie für die Gesellschaft nicht mehr wichtig, wurde nicht mehr gebraucht, abgeschrieben. Man brauchte sie nicht mehr, zumindest empfand sie den Ruhestand so. Die alltäglichen Hausarbeiten, die sie sonst eher nebenbei erledigte, hatten auf einmal einen wichtigen, überlebenswichtigen Stellenwert bekommen. Doch dieses häusliche Leben genügte ihr nicht, also suchte sie nach etwas anderem, neuem.
Einen Ersatz für das verlorene Kollektiv suchte sie in Studienzirkeln, verschiedenen Vereinen in der Marburger Literaturgesellschaft und endlich fand sie auch den deutschsprachigen Kulturverein Frauen Brücken in Maribor/Marburg und fing wieder zu schreiben an.
In der Grundschule hat sie mit gut geschriebenen Aufsätzen ihre Note im Fach Slowenisch immer gut hochhalten können. Diese Lust zum Schreben ist ihr auch geblieben, sie glaubte an die rettende Kraft der Worte, brachte ihre Gefühle und Visionen aufs Papier, das war ihre neue Zukunft im Leben.
Sie hat bemerkt, dass ihr Leben auf einer wackeligen Brücke steht. Während ein Ende fest am Ufer verankert ist, wo sie geboren wurde, wird das andere Ende vom Strom fortgerissen und sie sucht noch immer nach einem Halt, nach der Wahrheit. Ja zwischen den beiden Ufern dieser Brücke, die Landes- und Staats-Grenze zugleich.
Gerne schreibt sie über besondere Charaktere und über Tiere. Unrecht verletzt sie. Musik, eine Blume in der Natur, ein winziger Stein schenkt ihr Wohlgefühl, vor Felsen hat sie Angst.
Nach einer spielerisch verbrachten Jugend, dem Messen der Ausdauer auf Leichtathletikpfaden, Bergwanderungen, geselligem Zusammensein in Jugendklubs, sammelte sie sich neben einer glücklichen Familie ihre Dienstjahre in Büroabteilungen von Baufirmen, in der Metallindustrie und in Banken. Dazwischen erwarb sie sich in Abendschulen die notwendigen Zeugnisse. Ihre erste und schönste Arbeit war aber im Laden hinter der Theke. Eine süße, schüchterne, kleine Verkäuferin, das ungewollte Kind – Ergebnis einer verfehlten Liebe. Das war sie und das ist sie.
Ein besonderer Wendepunkt in ihrer schriftstellerischen Laufbahn war die Begegnung mit Professorin Doris Debenjak, Autorin eines umfassenden slowenisch-deutschen Wörterbuchs, die auch selbst Mitglied der deutschsprachigen Minderheit in Slowenien war. Sie kam auf eine Veranstaltung im Dezember 2008 nach Marburg, wo ein Konzert zu Ehren von Eduard von Lannoy, der auf Schloss Wildhaus bei Zellnitz/Selnica in ihrer Nähe lebte. Der Kulturverein deutschsprachiger Frauen Brücken organisierte jährliche Gedenkveranstaltungen über vergessene und übersehene deutschsprachige Bürger der Untersteiermark. Im zweisprachigen Sammelband „Zwischenmenschliche Bindungen“ des Vereins „Brücken“ wurde im Jahr 2008 ihre Erzählung „Johana“ zweisprachig veröffentlicht.
Nach der Veranstaltung sprach Professorin Doris Debenjak Ivana an und fragte, ob sie die Autorin sei. Ivana war überrascht und sagte nur kurz „ja“. „Ich habe ihre Geschichte ‚Johana‘ im Sammelband gelesen und war von ihrem Schreibstil beeindruckt. Ich möchte sie ermutigen, schreiben sie, schreiben sie weiter! Und noch etwas. Wenn ihre Mutter das Buch ‚Eine amerikanische Tragödie‘ gelesen hat, musste sie eine sehr intelligente Frau gewesen sein. Schreiben sie auch über sie“. Damals zündete der Funke im Kopf von Ivana, dass sie eines Tages auch ein Buch schreiben könnte
Nachdem die gesammelten Geschichten redigiert, lektoriert und zu dem Roman „Die drei Erbschaften und die Astro-Zwillinge“ zusammengefasst wurden, hat das Volos-Institut auch in ein schönes hübsches Buch gedruckt. Die Geschichte von Johana, die eigentliche Herausforderung für den Roman war, ist der Einstieg in die Handlung.
Kurze Beschreibung des Romans: Das Mädchen, das kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde, wächst in einer zweisprachigen Familie mit Slowenisch und Deutsch als Muttersprachen auf. Da ihr Vater angeblich ein deutsche Soldat war, und niemals über ihm was hörte, bleibt er auch im Roman anonym. Das Mädchen träumte von ihren Vater und vermisste ihm. Sie wächst in der Obhut ihrer deutschsprachigen Großmutter, die noch immer Altösterreicherin geblieben ist, auf. In jungen Jahren wurde ihr diese Zweisprachigkeit mehrmals vorgeworfen, weil sie die deutsche Sprache beherrschte. Aber als sie reifer war, öffnet sich die deutsche Sprache als kostbares Erbe, ein Fenster zur Welt, neue Bekanntschaften bereichern ihr Leben und sie erlebt echte Abenteuer. Naiv navigiert sie ihre Teenagerjahre mit allen möglichen Problemen erfolgreich durch.
Als sie heiratet und eine eigene Familie gründete, war ihr größte Wunsch und ihre Sorge, dass ihre Kinder nicht ohne Vater lebten. Fast wäre es dazu gekommen, aber ihre Sturheit und Hartnäckigkeit verhindern dies. Eine schwere Krankheit schleicht sich in die Familie ein.
Parallel dazu ereignen sich in der näheren und weiteren Umgebung auch einige heitere Ereignisse. Der Roman ist sehr abwechslungsreich, zeitlich weit gestreckt und umfasst mehrere Länder, wobei der Zerfall Jugoslawiens eine besondere Rolle spielt. Die persönlichen Geschichten der einzelnen Personen und ihre Verbundenheit untereinander drücken auch ihre Gefühle gegenüber den politischen Veränderungen aus.
Lučka Zorko, die Lektorin des Verlags, schreibt über das Buch: „Der Roman liest sich hervorragend, ist perfekt strukturiert und erzählt die Lebensgeschichte und die persönliche Entwicklung der Hauptfigur. Er ist voller überraschender Wendungen; die stärksten Passagen sind die London-Szenen und der Kampf mit der Krankheit ihres Mannes, der zugleich eine der schönsten Darstellungen des Kampfes mit Alzheimer in der slowenischen Literatur ist.“
Aber ich schreibe auch weiter, sagt Ivana Hauser, vielleicht wird das nicht ein neues Buch, aber meine neuen Geschichten können Sie jedes Jahr im Sammelband des Kulturvereins deutschsprachiger Frauen „Brücken“ lesen.
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Redakteur: Jan Schaller
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