Dachsteinlied: Lieber Wahrheit als Provokation

Foto: Ist es noch erlaubt, historische Karten der Steiermark zu veröffentlichen?

Übersetzung aus slowenischem Text von Nika Škrinjar auf Webseite www.maribor24.si

Die neue steirische Landesregierung unter der Führung der rechtsextremen Freiheitlichen Partei (FPÖ) will die Hymne „Dachsteinlied“, die auch ein Gebiet des heutigen Slowenien beschreibt, in der Landesverfassung verankern.  Der Vorschlag stößt auf heftige Reaktionen bei den Kärntner Slowenen, dem slowenischen Außenministerium und anderen relevanten Akteuren. Wir haben die Stadtverwaltung von Maribor und Boris Hajdinjak, Historiker und Leiter des Zentrums für jüdisches Kulturerbe Synagoge von Maribor, um eine Stellungnahme gebeten.

Das Lied wurde ohne politische Absichten geschrieben

Wie Hajdinjak erklärt, wurde das Lied 1844 von dem Buchhändler und Verleger Jakob Dirnböck geschrieben und vom Domorganisten Ludwig Carl Seydler musikalisch untermalt. Seit 1929 ist das Lied die Landeshymne des österreichischen Bundeslandes Steiermark.

„Keiner der beiden Autoren ist als Politiker bekannt, geschweige denn als Nationalpolitiker. Das Lied wurde auch ohne politische Absicht geschrieben – anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Landwirtschafts-Gesellschaft Steiermark 1844 geschrieben“, erklärt er und fügt hinzu, dass diese Gesellschaft im Jahr 1819 von Erzherzog Johann von Habsburg gegründet wurde, der mit Maribor verbunden war. „Erzherzog Johann war für Vieles verantwortlich, deshalb steht sein Denkmal auf dem Hauptplatz in Graz, und bis 1919 stand ein Denkmal auch im Stadtpark in Maribor, heute im Regionalmuseum Maribor archiviert.“

Nationalismus war zu dieser Zeit unbekannt

Die Steiermark gehört heute zu zwei Drittel zu Österreich und zu einem Drittel zu Slowenien,  „Das Lied wurde zu einer Zeit geschrieben, als kein Nationalismus, ganz zu schweigen von Chauvinismus und Rassismus bekannt war, die später die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Slowenen in der Steiermark vergifteten“, erklärt der Historiker und fügt hinzu, dass erst  nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der slowenische Kampf um die nördliche – in Österreich südliche – Grenze zur Teilung der Steiermark führte, in das fast rein österreichische Bundesland Steiermark, wo bis  heute eine kleine slowenische Minderheit im sogenannten Radkersburg Eck überlebt hat, und eine mehrheitlich slowenische Steiermark/Štajerska mit einer damals noch spürbaren deutschsprachigen Minderheit, vor allem in den Städten Celje/Cilli, Maribor/Marburg, Ptuj/Pettau, aber auch im Grenzgebiet Abstallerfeld.

In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch die Entscheidung zu sehen, dass das Dachsteinlied 1929 zur Landeshymne des österreichischen Bundeslandes Steiermark wurde.

Der Angriff auf Jugoslawien und der Beginn der Besatzung wurde durch den Besuch Hitlers in Maribor am 26. 4. 1941 bestätigt.

„Es war sicher kein Zufall, dass ihm (Hitler) bei dieser Gelegenheit auf der Marburger Burg vom Marburger Deutschen Frauenchor das Dachsteinlied vorgesungen wurde. Der Zweite Weltkrieg endete mit der Niederlage Hitlers und der fast vollständigen Vernichtung der deutschen Minderheit in der slowenischen Steiermark“, fügt er hinzu.

Das Bundesland Steiermark hat das Dachsteinlied während der gesamten Nachkriegszeit als Hymne und Symbol verwendet, trotz der problematischen Verse in der ersten Strophe, die sich auf „das Slawenland an der Save“ und „das Weinland im Drautal“ beziehen.

Diese Strophen waren nicht umstritten, als sie geschrieben wurden, aber nach 1918 und 1945 waren sie politisch sehr wohl zerstritten.

Das Lied, das 1929 zur Hymne der Steiermark wurde, hat daher eine politisch sensible historische Konnotation, obwohl es 1844 ohne jegliche nationalistischen Absichten geschrieben wurde.

„Wenn es nicht um viel Substanz geht, dann bietet man nur Plattitüden an“

Hajdinjak erklärt auch, dass hypothetisch auch ein slowenisches Lied, über die ehemalige mittelalterliche Besiedlung der Alpenslawen bis zum Dachstein besungen sein könnte, weil man noch heute an den slawischen Ortsnamen im Gebiet des österreichischen Bundeslandes Steiermark das erkennbar ist, z.B. Grades-Graz, Ljubno-Leoben, Ustje-Bad Aussee.

„Ich bezweifle, dass sich die österreichischen Politiker, die jetzt die Aufnahme des Dachsteinliedes in die steirische Verfassung vorschlagen, von solchem hypothetischen Lied beeindrucken lassen würden. Ich möchte nur eines über diese österreichischen Politiker sagen: Wenn man nicht viel Substanz hat, dann schlägt man Plattitüden vor. Das ist aber auch bei einigen slowenischen Politikern nicht fremd“, scherzt er.

Ein Vergleich mit der deutschen Nationalhymne

Als einen möglichen Vergleich sieht der Gesprächspartner die deutsche Nationalhymne Das Lied der Deutschen /Deutschlandlied mit einem Text in drei Strophen. Er sagt, dass die berühmtesten Verse der ersten Strophe dieses Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ lauten und dass dieses Lied mit allen drei Strophen 1922 in der sogenannten Weimarer Republik zur deutschen Nationalhymne wurde.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde nur die 1. Strophe als Nationalhymne verwendet, in Kombination mit der Hymne der NSDAP Horst-Wessel-Lied. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde jedoch nur die 3. Strophe 1952 im damaligen Westdeutschland als Nationalhymne übernommen, mit dem Anfang „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“. Mit dieser 3. Strophe wurde natürlich wie oben genannt, aus heutiger Sicht, vermieden, die problematischen Verse der 1. Strophe zu akzeptieren und es wurde der demokratischen Charakter Westdeutschlands betont. Seit 1990 ist die dritte Strophe von Das Lied der Deutschen die Hymne des wiedervereinigten Deutschlands“, so Hajdinjak.

Umstrittene Verwendung von Symbolen

Zur umstrittenen Verwendung von Symbolen gehört auch die Verwendung des sogenannten „Fürstensteins“ auf slowenischer Tolar-Währung im Jahr 19191 zur Zeit der Unabhängigkeit. Die Verwendung des Fürstensteins, der einst auf Karnburg als slowenisches Symbol im heutigen österreichischen Bundesland Kärnten stand, ist nach Ansicht des Gesprächspartners aus historischer Sicht umstritten. „Dieser Stein wurde möglicherweise vor dem 9. Jahrhundert zur Inthronisierung der Fürsten im damals mehrheitlich slawischen Fürstentum Kärnten verwendet und vor dem 14. Jahrhundert in Kärnten, das auch deutschsprachig war, zur Inthronisierung von Fürsten in slowenischer Sprache vereidigt, fügt er hinzu.

Dies sei in zweierlei Hinsicht problematisch: Die Slawen in Karantanien seien noch keine Slowenen gewesen und das Gebiet Karantaniens liege größtenteils auf dem Gebiet des heutigen Staates Österreich. „Deshalb hat die Verwendung des Fürstensteins im heute mehrheitlich deutschsprachigen österreichischen Bundesland Kärnten eine negative Reaktion hervorgerufen. Diese Komplikation wiederholte sich im Jahr 2006, als beschlossen wurde, den Fürstenstein auf slowenischen 2-Cent-Münzen zu verwenden“, weist er hin.

Antwort der Stadtgemeinde Maribor

In ihrer Antwort betonte die Stadt Maribor die Bedeutung des Dialogs und der guten nachbarschaftlichen Beziehungen zur Steiermark. Wir veröffentlichen die Antwort im vollen Wortlaut.

Die Stadt Maribor respektiert das historische und kulturelle Erbe der Region, unterstreicht aber gleichzeitig die Bedeutung der territorialen Integrität und Souveränität. Das Dachsteinlied, das sich auf das Gebiet entlang der Drau bezieht, ist Teil der kulturellen Symbolik der österreichischen Steiermark, aber die Gemeinde Maribor betont die Notwendigkeit, in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein, insbesondere wenn es um eine Symbolik geht, die Debatten über sensible historische Themen auslösen kann.

Wir betrachten die Aktion der österreichischen Landesregierung in erster Linie als symbolisch, betonen aber die Notwendigkeit des Dialogs und des gegenseitigen Respekts, um Fehlinterpretationen zu vermeiden, die die Beziehungen zwischen Slowenien und Österreich beeinträchtigen könnten.

Als Grenzstadt ist Maribor bestrebt, gute Beziehungen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit der österreichischen Steiermark zu pflegen. Die Stadtverwaltung von Maribor setzt sich weiterhin für eine gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit der österreichischen Steiermark ein, die auf Gegenseitigkeit, gemeinsamen europäischen Werten und gemeinsamen Projekten wie nachhaltige Entwicklung, Tourismus und wirtschaftliche Zusammenarbeit beruht. Diese Zusammenarbeit ist der Schlüssel zur Stärkung gutnachbarschaftlicher Beziehungen und ist für beide Seiten von Vorteil.

Die Gemeinde Maribor hat bisher noch keinen direkten Kontakt mit der Steiermark in dieser Frage aufgenommen, ist aber bereit, jede Initiative zu unterstützen, die den toleranten Dialog und das Verständnis zwischen den beiden Regionen fördert. Es ist wichtig, dass wir den Grundsätzen der Zusammenarbeit und der Suche nach gemeinsamen Lösungen in diesen Fragen verpflichtet bleiben. (Zitatende)

Während die Steiermärkische Landesregierung unter Landeshauptmann Mario Kunasek betont, dass es sich um einen symbolischen Akt handelt, der mit anderen österreichischen Bundesländern vergleichbar ist, argumentieren Kritiker, dass der Hymnenvorschlag alte Wunden aufreißt und politische Spannungen schürt. Die Frage der Hymne wird auch von den slowenischen Vertretern behandelt werden müssen, die auf der Ebene des diplomatischen Dialogs eine Lösung finden müssen.

Hajdinjak schließt mit einer „utopischen“ Schlussfolgerung

„Wir wünschen uns, dass das Dachsteinlied, trotz seiner umstrittenen Verwendung im 20. Jahrhundert, in der slowenischen Steiermark nicht ein Lied bedeutet, dass die Sehnsucht unserer nördlichen Nachbarn nach unserem Territorium ausdrückt. Das wäre natürlich leichter zu erreichen, wenn wir in Slowenien Regionen/Länder hätten, die auf historischen Grundlagen beruhen. Solche Regionen/Provinzen haben wir in Slowenien bekanntlich nicht, mehr noch, wir haben überhaupt keine Regionen“, resümiert er.

„Ich glaube, dass es sowohl für Slowenien als auch für Österreich gut wäre, zu verstehen, dass der Fürstenstein nicht nur slowenisch und nicht nur österreichisch ist, sondern ein gemeinsames historisches Denkmal und Symbol. In Anbetracht der Tatsache, dass die diesjährige Kulturhauptstadt Europas Nova Gorica in Slowenien und Gorizia in Italien stattfinden wird, glaube ich, dass früher oder später etwas Ähnliches zwischen dem österreichischen Bundesland Steiermark und der slowenischen Steiermark/Štajerska möglich sein wird“, sagt er abschließend.

 

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