„Partisanen Deutsche“ und ihr düsteres Schicksal

Zitat: »Nicht entzogen werden die Bürgerrechte und das Vermögen jener jugoslawischen Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit, deutscher Abstammung oder mit deutschem Familiennamen:
a) welche als Partisanen und Soldaten am nationalen Befreiungskampf teilgenommen hatten oder in der nationalen Befreiungsbewegung aktiv tätig waren  (1)

   Dr. Milko (auch Milan) Mikol, Leiter der Abteilung für Wiedergutmachung und nationale Versöhnung des slowenischen Justizministeriums, beschreibt im Text Beschlagnahmung deutsches Eigentumes (2) jedoch das Gegenteil:

     „Im Interesse einer möglichst raschen Verstaatlichung privater Wirtschaftsunternehmen haben die Beschlagnahmung-Kommissionen in einigen Fällen auch das Vermögen derjenigen Personen deutscher Volksgruppe beschlagnahmt, die nachweislich während der Besatzung aktiv an der slowenischen nationalen Befreiung teilgenommen hatten.

      Ein typisches Beispiel für gebrochene Versprechen von Partisanen war die Beschlagnahmung des Eigentums der deutschen Familie Woschnagg in Šoštanj/Schönstein. Herbert, Walter, Marianne und Malvina Woschnagg waren Eigentümer eines großen Anwesens, das neben der Lederfabrik (damals die größte ihrer Art in Jugoslawien) ein elektrisches Sägewerk, 3 Schlösser, 6 Wohnhäuser, mehrere Geschäftsgebäude und fast 100 Hektar Land besessen haben. All diese Güter wurden den Woschnaggs nach dem Zweiten Weltkrieg von der  Bezirks-Konfiskationkommission mit der Begründung beschlagnahmt, dass sie sich als „Deutsche“ anerkannt haben. Die Beschlagnahme wurde nicht aufgehoben, obwohl es Beweise dafür gab, dass die Familie Woschnagg schon im Jahr 1942 den Partisanen Befreiungskampf mit verschiedenem notwendigem Material unterstützt hat und sich auch aktiv am Slowenischen Befreiung Kampf beteiligt haben.

     Als dies auch der deutschen Besatzungsmach bekannt wurde, wollten die dann einzelne Mitglieder der Familie Woschnagg verhaften. Walter Woschnag zog vor seiner Verhaftung in die Schweiz (zur seine Frau, Schweizerin Dorli Held), Bruder Herbert und seine Frau Malvine Woschnagg sind im November 1944 in die Berge in das befreite Gebiet über Schönstein gegangen, was für die deutschen Besatzungsbehörden Grund war den gesamten Besitz der Woschnaggs zu beschlagnahmen. Während der deutschen Offensive auf das befreite Gebiet wurden Herbert und seine Frau Malvine gefangen genommen. Herbert wurde von den Deutschen ins Konzentrationslager Dachau gebracht, Malvine wurde im Gefängnis in Marburg inhaftier wo sie während der Bombardierung Marburgs flüchtete und wieder zurück Nachhause (nach Schönstein) kam, und im April 1945 von der Deutschen Besatzung wieder verhaftet und wieder nach Marburg ins Gefängnis gebracht wurde. Am 14. April 1945 wurde sie erschossen.

     Es sollte hier klargestellt werden, dass die Beschlagnahmung des Vermögens der Familie Woschnagg nicht nur von der Bezirksbeschlagnahme-Kommission in Schönstein angeordnet wurde, sondern auch vom Militärgericht im Cilli/Celje und zwar mit der Begründung, weil die Woschnaggs als Deutsche seit 1940 Mitglieder des Kulturbundes waren. Aktive Beteiligung der Woschnaggs an dem slowenischen Befreiungskampf wurde nicht akzeptiert (siehe oben1). Zitat Ende.

Anmerkung zum Kulturbund (bis 11.Mai 1941) dann Steirischer Heimatbund. Bis 30. Mai 1941 gab es in der Untersteiermark schon 140 (später 180) Ortsgruppen mit insgesamt 323.807 (später 360.000) Mitgliedern (4). Die Untersteiermark hatte beim deutschen Einmarsch 6050 km2 und rund 530.000 Einwohner, (5) davon cca 380.000-Volljährige, also waren die meisten Heimatbund Mitglieder Slowenen, die sich mit Mitgliedschaft besseres Leben und Position erhofft haben.

   Der Autor Miran Komac (6) weist auf die zahlreichen diskriminierenden Praktiken gegen Minderheiten im Königreich Jugoslawien hin. Solche Haltungen führten zu einer Distanz zwischen den Angehörigen nationaler Minderheiten, der Mehrheitsnation und dem Staat Slowenien. Es war daher nicht ungewöhnlich, dass sich Angehörige nationaler Minderheiten, insbesondere Deutsche, bald für extreme nationalistische Bewegungen – den Nationalsozialismus – begeisterten, was ihnen am Ende des Zweiten Krieges die nationale Auslöschung brachte.

Buch über Familie Vošnjak/Woschnagg (3)

    Im Jahr 2005 wurde in slowenischer Sprache ein Buch (240 Seiten) über Familie Woschnagg/jetzt slowenisch Vošnjak von Avtor Miran Aplinc herausgegeben, bei dem auch die Tochter von Malvine und Herbert Woschnagg Marianne Brinkhaus mitwirkte.

      Im Jahr 1750 zog die Familie Woschnagg mit ihre Gerberei von Vitanje nach Schönstein , wo sie die erste Ledergerberei eröffnete. Seit 1788 befinden sich in Schönstein zwei Ledergerbereien im Besitz der Familie Woschnagg. In Jahr 1929 beschäftigten  die LEDERWERKE FRANZ WOSCHNAGG & SOHNE fast 400 Mitarbeiter und verarbeiteten 30.000 Rinderhäute pro Jahr. Die Hälfte der Stadt Schönstein wurden Gebäuden der Lederfabrik. Schönstein hatte im Jahr 1937 nur *1.735 Einwohner.

       Die deutsche Familie Woschnagg gehörte 1941 zu den reichsten Familien. Der erste Sohn Herbert, war verheiratet mit Malvine Egersdorf, sie kam aus Agram/Zagreb; der zweiter Sohn Walter, war verheiratet mit Dorli Held aus Schweiz und auch die Mutter, die Witwe Marianne Woschnagg, waren die Besitzer beim Einmarsch der Deutschen Besatzer.

Details über Partisanen-Befreiung Kampf der Familie Woschnagg

    Nach der deutschen Besetzung integrierten die deutschen Behörden die Lederfabrik Woschnagg in ihr Wirtschaftssystem des Dritten Reiches und nutzten die Produktion für den Bedarf der Armee. Bis 1944 war die Kapazität nur 30 % ausgelastet, da nicht genügend Häute zur Verarbeitung zur Verfügung standen, was den Brüdern Woschnagg natürlich nicht gefiel. Die Woschnaggs waren nicht aktive Mitglieder des Kulturbundes. Sie mussten dem Kulturbund vor dem Krieg unter Druck, unter Zwang beitreten, „denn ihr seid ja Deutsche“. Die Woschnaggs waren keine Gestapo-Vertrauten, das heißt, dass sie für Deutsche nicht vertrauenswürdig waren.

      Bereits 1942 versorgten die Woschnaggs die Partisanen mit Leder und Medikamenten. Herbert Woschnagg gab Vinko Huber Bargeld für die Partisanen. Gleichzeitig intervenierten die Brüder während der deutschen Besatzung mehrmals erfolgreich bei der Gestapo für ihre (slowenischen) Arbeiter, auch in Marburg an der Drau. Auch Malvine, Herberts Frau, spendete mehrmals Geld an die Partisanen. Am Ende des Krieges übergaben die Brüder den Befreiern freiwillig große Mengen Leder, das sie vor den Deutschen versteckt hatten. Malvine arbeitete seit Kriegsbeginn beim Roten Kreuz ambulant, wo verwundete deutsche Soldaten und gefangene verwundete Partisanen zur Versorgung gebracht wurden. „Verwundete sind Verwundete, egal von welcher Seite“, setzte sie sich durch für die verwundeten Partisanen.

     Am 12. August 1942 wurde Malvine zum ersten Mal von den Deutschen verhaftet und ins Gefängnis nach Marburg gebracht. Die Lehrerin Trobej schreibt darüber: “Als die deutsche Armee nach Šoštanj kam, hat Malvina die deutschen Soldaten umarmt und gestreichelt, aber in letzter Zeit hat sie den Slowenen geholfen und auch die Partisanen unterstützt. Sie ist sogar in einem deutschen Gefängnis gelandet.“ Da die Woschnaggs zu dieser Zeit noch sehr einflussreich waren, ließen die Deutschen Malvina frei.

    Aber am 18. November 1944 ordneten die Deutschen jedoch die Verhaftung von Herbert und Malvina Woschnagg an. Die bekamen zuerst Hausarrest, aber in einer vorgetäuschten Entführungsaktion noch rechtzeitig zu den Partisanen gegangen sind. Auf ungewöhnliche Weise wurden sie von den Deutschen oben in den Bergen im Neuschnee gefangen und verhaftet (dies geschah nur in Fällen von Hochverrat). Herbert wurde nach dem Verhör in das Konzentrationslager Dachau gebracht, während Malvina wieder in den Gefängnissen in Marburg inhaftiert wurde. Als die alliierten Flugzeuge Anfang 1945 Marburg bombardierten (3.500 Bomben fielen und 867 Häuser wurden beschädigt, darunter auch  der Marburger Gefängnis), floh Malvine und kehrte zurück nach Schönstein, wo sie von den deutschen Behörden sogar die Rückgabe ihres beschlagnahmten Eigentums verlangte. Sie wurde erneut verhaftet und erneut in das Marburger Gefängnis gebracht, wo sie am 14. April, kurz vor Kriegsende, im Wald von Betnava erschossen wurde. So wurde Malvine Woschnagg, geborene Egersdorfer, ein Opfer der nationalsozialistischen Gewalt.

     Nur ihre Mutter Marianne Woschnagg erlebte das Kriegsende und die Freiheit jetzt nur noch  in Šoštanj, kein  Schönstein mehr. Ihr älterer Sohn Herbert kehrte Mitte Juni 1945 aus dem Konzentrationslager Dachau zurück,  der jüngere Sohn Walter kam zwei Monate später aus der Schweiz. In der Zwischenzeit war die Lederfabrik bereits verstaatlicht worden, da sie seit 1940 Mitglied des Kulturbundes waren und ihre Firma während der Besatzung auch für die Deutsche Besatzung gearbeitet hatte, was Kollaboration bedeutete. Obwohl sich die Woschnaggs aktiv in der NOB engagierten und die Partisanen während des Krieges heftig mit Materialien unterstützten, half ihnen das nicht viel. Sie wurden vor einem Militärgericht verurteilt, verloren ihre jugoslawische Staatsbürgerschaft und wurden am 12. Januar 1946 des Landes verwiesen. Am nächsten Tag, dem 13. Januar, starb die schwer kranke Mutter Marianne Woschnagg und wurde gleich am nächsten Tag, das war ein Werktag beerdigt, damit die Arbeiter der Fabrik nicht zur Beerdigung der ehemaligen Fabrikbesitzerin kommen könnten.

     Dorli, die Frau von Walter Woschnagg, Schweizerin, aber seit ihrer Heirat ohne Schweizer Staatsbürgerschaft, hatte bereits 1941 mit Befreiern gearbeitet, war aber während des Krieges wegen ihrer Krankheit und ihrer kleinen Kinder nicht zu den Partisanen gegangen. Da sie Sozialistin war, beteiligte sie sich dann auch in der Schweiz bei der Kommunistischen Partei, zerstritt sich darüber mit ihrem Bruder und ihrem Mann und kehrte 1946 mit ihren Kindern ins kommunistische Jugoslawien zurück.

     Sie wollte ihre Kinder in sozialistischem Geist erziehen, sie wollte sogar in die Kommunistische Partei Jugoslawiens eintreten, aber sie wurde nicht aufgenommen, was sie sehr verletzte, denn sie erkannte, dass die Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ nur auf dem Papier gültig war. Wegen Krankheit und unerträglichen Lebensbedingungen kehrte sie 1948 schließlich mit ihren Kindern zurück nach Wien. Ihr geschiedener Mann Walter pflegte die kranke Dorli mehrere Jahre lang, und sie starb in Wien im Alter von 42 Jahren. Der Witwer Herbert Woschnagg starb am 1. März 1964 nach schwerer Krankheit, Walter Woschnagg wurde 86 Jahre alt und starb 1991, auch er ist in Wien begraben.

    Walter Woschnagg wollte nach dem Krieg seiner Tochter Barbara seine Heimat Schönstein, jetzt Šoštanj und den einstigen Reichtum zeigen, wurden aber beide von den jugoslawischen Sicherheitsbehörden schnell wieder verjagt, und der gut gemeinte Besuch trübte die Erinnerungen der beiden an ihre ehemalige Heimat.

 

1 Der AVNOJ-Erlass vom 21. November 1944 regelte die Enteignung und anschließende Konfiszierung des gesamten deutschen Staats- und Privatvermögens. Dies wurde dann vom AVNOJ per Gesetz vom 8. Juni 1945 wie folgt interpretiert:
2 dr.Milko Mikol: Zaplembe premoženja v Sloveniji(Beschlagnahme von Eigentum in Slowenien) v letih 1945-1946, Seiten 155-171, Summary Seite 171, Prispevki za novejšo zgodovino XXXII – 1992 155
3 Milan Aplenc: Vošnjaki, industrialci iz Šoštanja (Woschnagg, industriele aus Schönstein, Šoštanj 2005, 239 Seiten in slowenische Sprache
4 Stefan Karner: Die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien, Seite 87:
5 Stefan Karner: Die Steiermark im Dritten Reich (1938-1945) Seite 134
6 Miran Komac: Narodne manjšine v Sloveniji 1920-1941 (Volksgruppen in Slowenien in Konigreich Jugoslawien)

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