Der Hauptredner bei der Enthüllung dr. Ivan Štuhec

Als Hauptredner bei der Enthüllung der Gedenktafel am Kommandogebäude des Lagers Sterntal/heute Kidričevo anlässlich des Welttages des Kampfes gegen Totalitarismen, sagte Moraltheologe Dr. Ivan Štuhec:

Sehr geehrte Damen und Herren!

     Wir sind heute an einem der vielen Orte auf slowenischem Boden versammelt, an dem sich noch immer unzählige unschuldige Opfer der kommunistischen Revolution während und nach dem Zweiten Weltkrieg befinden. Zdenko Zavadlav, ehemaliger OZNA_Mitglied schreibt in seinem Buch „Späte Beichte“ sehr klar und deutlich: „Sie erklärten uns auch über zwei Stufen der Revolution, der Kommunistischen Partei der Bolschewiki, (das war von 1925 bis 1952 der offizielle Name der Kommunistischen Partei der Sowjetunion). Zweite Stufe ist die gegenwärtig beginnende sozialistische Revolution nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

    Aber ich dachte, dass der Kampf um die Revolution mit Ende des Krieges bereits vorbei sei. Denn es war ja zwischen der Kommunistischen Partei Sowjetunion und der Befreiungsfront schon während des Nationalen Befreiungskrieges ein Unterschied. In der Tat nahmen bei uns mehr Bauern und Stadtbürger als Arbeiter in der Befreiungsfront teil. Es gab nur sehr wenige Berufsrevolutionäre. Und jeder konnte ein Gläubiger sein. Denn im Nationalen Freiheitskampf gab es Geistliche, heilige Messen, die die Truppen auch besuchen mussten. Unsere Toten wurden von einem Priester beerdigt…”

     Zdenko Zavadlav schreibt weiter „Ich selbst war schon lange nicht mehr religiös, aber in Zeiten der Not habe ich trotzdem gebetet… Wir erfuhren auch, dass wir eigentlich die ‘Schlagfaust’ der Partei sind, vor allen anderen. Und wir erfahren auch, dass es Verdächtige gibt. Das sollen alle sein, die aus den Lagern, Gefängnissen und der Zwangsarbeit kommen, die Vertriebenen und die Soldaten der westalliierten Armeen, die ja Verwandte im Westen haben! Sie alle sind verdächtig… Die Wahrheit wird nach dem Krieg ganz anders geschildert, als bei den Partisanen im Krieg“ (Z. Zavadlav, Späte Beichte, 31-32).

     Sehr geehrte Anwesende; wer noch heute, mehr als acht Jahrzehnte nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, leugnet, dass die Kommunisten die Besatzung und die Befreiung von den Invasoren nicht für ihre revolutionären Zwecke genutzt haben, lügt, verstellt und verfälscht die Geschichte und ihre Fakten. Aber leider geschieht das alles in unserem Land immer noch unter dem Deckmantel und mit dem Ziel, den jungen Menschen zu erzählen, dass der jugoslawische und slowenische Kommunismus anders war, mit einem menschlichen Gesicht. Dieses Syntagma wird immer noch vom letzten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Sloweniens, den Genossen und Herrn Milan Kučan verkörpert. Das ist auch leider der verborgene Grund, warum das slowenische Parlament die Erklärung des Europäischen Parlaments zu den drei Totalitarismen bis heute noch nicht ratifiziert hat. Im Gegensatz zu den meisten anderen ehemals kommunistischen Ländern wird in Slowenien von einem Teil der Geschichtsschreiber und einem Teil der Politik die These vertreten, dass die slowenischen Kommunisten im Rahmen des OF gegen die Besatzer gekämpft haben und dass es nach dem Krieg zum einigen Fehler der Sieger kam, die aber schon damals den Boden für die spätere Unabhängigkeit Sloweniens und für einen eigenen Staat bereitet haben.

      Die Überreste der kommunistischen Konzentrationslager nach dem Krieg zeigen aber, dass die überhaupt in nichts den Nazis nachstanden. Die zahlreichen entdeckten und noch nicht entdeckten Gräber von politischen Gegnern, die ohne Gerichtsverfahren einfach umgebracht wurden, widerlegen diejenige, die um jeden Preis und um den Preis der Geschichtsfälschung die Auffassung von der Kontinuität der nationalen Befreiung vom Zweiten Weltkrieg bis zum Unabhängigkeitskrieg behaupten wollen. Diese Art von Geschichtsverdrehung ist nirgendwo anders zu finden als nur noch in Putins Russland. In beiden Fällen werden die Politik und viele staatliche Subsysteme, insbesondere die Justiz und die Medien, immer noch von ehemaligen OZNA oder UDBA-Mitgliedern kontrolliert. Wer diese Tatsache ignoriert, hat in diesem Land nichts verstanden.

      Versuchen wir uns die Frage zu beantworten, ob der slowenische Kommunismus wirklich anders war und ob es stimmt, dass er nicht mit Totalitarismen identifiziert werden kann. Der ehemalige, inzwischen verstorbene Kommunist, Marxist, Professor und Autor Dr. Vlado Sruk widmete der Frage des Totalitarismus in seinem Lexikon der Moral und Ethik zwei ganze Seiten mit einer umfassenden und präzisen Definition. Ausgehend vom lateinischen Begriff „TOTUS“, was so viel wie „ganz“ bedeutet.

       Dr. Sruk vertritt am Anfang die These, dass sich die osteuropäischen kommunistischen Staaten in den 1950er Jahren von totalitären zu autoritären geändert haben. Daraufhin fasst er den Totalitarismus in fünf Aspekte zusammen: 1. er ist durch einen Polizeistaat gekennzeichnet. 2. ein konzentrierter Staat – verdichtet zu einer harten, grausamen Unmenschlichkeit. 3. eine allmächtige Partei, monolithisch und gegen jeden Pluralismus. 4. eine totalitäre Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens bis hin zur Privatsphäre jedes Menschen. 5. Staatsterrorismus, der jedem droht, der sich nicht mit der totalitären Idee von Staat und Gesellschaft identifiziert.

      Dafür hat Totalitarismus immer Feinde, gegen die er kämpfen muss. Alle fünf Kriterien treffen voll und ganz auf das kommunistische Jugoslawien der Nachkriegszeit und auch auf die Sozialistische Republik Slowenien, innerhalb dieses Staates zu. Dr. Sruk hat teilweise Recht, dass es in den 1950er Jahren einen deutlichen Übergang vom Totalitarismus zur titoistischen Autokratie kam. Aber alle fünf Kriterien blieben in Kraft weiterhin, die wurden nur weniger brutal umgesetzt, was vor allem auf die wirtschaftliche Lage und die wachsende Abhängigkeit von den westlichen demokratischen Ländern zurückzuführen war. Schließlich sorgte „die zweite Phase der Revolution“ in den 1950er Jahren dafür, dass die meisten der so genannten „feindlichen Elemente“ getötet, vertrieben oder anderweitig unterworfen wurden.

     In seiner Darstellung des Totalitarismus schreibt Professor Dr. Sruk weiter: „Der Kampf gegen den Feind ist die erste und grundlegende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung einer totalitären Wirtschaft. Ohne den einen oder anderen „objektiven“, „gemeinsamen“ Feind ist es unmöglich, eine monolithische, vollständige Einheit zu erreichen, aber auch nicht den fanatischen Hass, der die Hauptemotion des Totalitarismus ist. Der totalitäre Staatsterrorismus ist fest mit der Ideologie verbunden und von ihr durchdrungen. Der politische Geheimpolizist und der Ideologie-Propagandist sind Zwillinge … In allen totalitären Staaten wird der Indoktrination des Volkes, insbesondere der Jugend, größte Aufmerksamkeit geschenkt … Es war daher notwendig, die Familie und die Erziehung der Kinder in der Familie so weit wie möglich zu schwächen. Deshalb war es auch dringend notwendig, die Erziehung ideologisch zu kontrollieren und sie für eine totalitäre Sozialisierung zu missbrauchen. Aus diesem Grund wurde auch die absolute Kontrolle über den gesamten Bereich der Information und Kommunikation durchgesetzt“ (Sruk 501-2).

   Unter Berufung auf den deutsch-amerikanischen Politikwissenschaftler Carl Joachim Friedrich kommt Sruk zu dem Schluss, dass sowohl die nazifaschistische als auch die kommunistische Diktatur folgende Komponenten enthalten: 1. eine übergreifend konzipierte Ideologie, deren zentraler Gedanke die Errichtung einer „idealen Gesellschaft“ ist; 2. eine politische Massenpartei, die von einer sorgfältig ausgewählten Oligarchie geführt wird; 3.eine geheime politische Polizei, die von der Partei geleitet wird; 4. ein Monopol auf alle Kommunikationsmittel; ein Monopol auf die Streitkräfte; und 5. eine zentral geplante Wirtschaft. „Aus all dem folgt, dass der Totalitarismus eine Gesellschaft der Unfreiheit und der Unmoral ist“, schließt Dr. Sruk, ebenfalls ein ehemaliger Kommunist.

     Alle diese Elemente entsprechen auch den historischen Tatsachen im ehemaligen kommunistischen Jugoslawien. Leider sind Überbleibsel dieser Elemente bis heute in der slowenischen Gesellschaft präsent. Wir haben keine zentrale Planwirtschaft mehr, aber wir haben eine neue linke Wirtschafts-oligarchie, die sich während des Übergang-Transition von Sozialismus in den Kapitalismus durch Missbräuche bereichert hat. Mit dem Beitritt zum NATO haben die jetzt nicht mehr vollständige politische Kontrolle über die Streitkräfte; dafür wollen die neuen Ideologen  den Austritt Sloweniens aus der NATO.

     Das Monopol über einen großen Teil der Kommunikationsmittel ist geblieben und hat sich in den letzten zehn Jahren noch verstärkt. Es fällt mir schwer zu beurteilen, was mit den slowenischen Geheimdiensten geschieht, da es sich um ein System handelt, das im Wesentlichen vor uns Bürgern im Namen des Staatsgeheimnisses verborgen wird. Auf jeden Fall haben ehemalige Geheimdienstler in enger Zusammenarbeit mit ehemaligen Funktionären der Kommunistischen Partei eine Schlüsselrolle bei den Skandalen gespielt, die darauf abzielen, moderne Feinde zu schaffen und die Unabhängigkeitskämpfer Slowenien zu diskreditieren.
Zu letzteren gehört nach wie vor auch die katholische Kirche. Die politische Massenpartei wurde durch ein System der Gründung von Parteien für ein einziges Mandat ersetzt, deren gemeinsame Ideologie die Verteidigung des alten totalitären Systems ist. Schließlich vertritt auch die moderne neue Linke eine Ideologie, die den Menschen eine ideale Gesellschaft verspricht, deren Träger die Nichtregierungsorganisationen sein werden, die an die Stelle der Parteien getreten sind.

     Diese imaginäre Ideologie beinhaltet die Forderung nach „der Abschaffung der bestehenden Gesellschaftsordnung und der Errichtung einer neuen, in jeder Hinsicht besten Gesellschaft“ (Sruk, 502). Genau das ist das Ziel der Neuen Linken und ihrer nichtstaatlichen Satelliten, angeführt vom 8. März (Nichtregierungsorganisation), die in der gegenwärtigen politischen Konstellation die einzigen und mächtigsten Träger der neuen Ideologie sind. Nimmt man noch die Schwächung der Familie und die Monopolisierung des Bildungs- und Medienwesens hinzu, so wird deutlich, dass es ernstzunehmende Elemente gibt, die die slowenische Gesellschaft in totalitäre Gewässer zurückdrängen.

     Liebe Versammelte und alle Initiatoren der heutigen Veranstaltung, insbesondere die historische Sektion von Matej Slekovec und die Pfarrei St. Lorenz,  ihre Aktion ist ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung, weg von den totalitären Wahnvorstellungen der Vergangenheit und hin zur Humanisierung der Gesellschaft und zur Fürsorge und zum Mitgefühl für die Menschen, die Opfer von Totalitarismen aller ideologischen Farben waren und leider immer noch sind, die zwar konzeptionell unterschiedlich, in Wirklichkeit aber genau dasselbe sind.

    Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten die Kommunisten das deutsche Lager niemals in ihr eigenes verwandelt. Deshalb ist der Wortlaut dieser Gedenktafel an diesem Ort historisch korrekt: für die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt in der Zwischenkriegszeit und der kommunistischen Gewalt nach dem Krieg. Denn in unserem Gebiet konnte sich die kommunistische Gewalt der Zwischenkriegszeit nicht so entwickeln können wie im Westen Sloweniens, weil die totalitäre nationalsozialistische Ordnung und ihre Armee dies nicht zuließen.
Heute stellen wir hier die vergessene Ehre für alle Opfer wieder her.

Ich danke Ihnen!

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